Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer

 

Immer wieder teilen uns Pferdebesitzer mit, dass sie sich nach der Diagnose „Hufrehe“ absolut überfordert und hilflos fühlen. Dann wird im Internet nachgesehen und  überall stehe etwas anderes. Am Schluss habe man 100 Meinungen, was zur Entspannung der Lage  auch nicht gerade förderlich sei. Wir wurden gebeten einen Notfallplan ins Netz zu stellen und Ratschläge abzugeben, wie mit einer solchen Situation umzugehen sei und genau zu erklären, was in der Akutphase eines Hufrehepferdes eigentlich genau abläuft.

Das machen wir doch gerne!

Sobald ein Pferdebesitzer feststellt, dass bei seinem Pferd irgendetwas nicht mehr ganz stimmt – beispielsweise: "mein Pferd bewegt sich schlecht", "mein Pferd ist plötzlich sichtlich verspannt", "mein Pferd bewegt sich wie wenn es auf einer heissen Herdplatte steht", "mein Pferd steht apathisch herum", "mein Pferd ist so ganz anders und unruhig" usw. -  sollte in jedem Fall ein erfahrender Pferdetierarzt beigezogen werden. Wird dann tatsächlich eine Hufrehe diagnostiziert, verabreicht der Tierarzt dem Pferd in der Regel als Erstversorgung ein Entzündungshemmer/Schmerzmittel.

Was sollte weiter getan werden?

 

1.       Hufeisen entfernen!

Damit erreichen wir, dass der Huf vollständig durchblutet werden kann. Schützen Sie Ihr Pferd gegen den Druck vom Boden auf das Hufbein mittels eines 12 mm dicken Comfortpads. Dieses wird  mit Klauenband an der Hornkapsel befestigt. Ihr Pferd wird es Ihnen danken –  und es ist nicht ausser Acht zu lassen, dass so einer Deformation der Hufbeinspitze vorgebeugt wird.

 

2.       Höherstellen der Trachten

Gegebenenfalls wird das Pferd  auf den Trachten  erhöht. Dies ist auch gemäss unseren Erfahrungen absolut richtig und erleichtert dem Pferd das Stehen da entsprechend Last aus der tiefen Beugesehne genommen wird. Diese führt ja bekanntlich hinter dem Strahlbein durch und ist an der Hufbeinspitze angemacht.  Ein Höherstellen der Trachtenenden mindert somit  den Zug auf die Tiefe Beugesehne, entlastet den Strahlbeinbereich resp. den Hufrollenbereich und verringert somit den Zug auf das Hufbein selbst.


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Tiefe Beugesehne

Die Hufbeinspitze wird durch diese Massnahme nicht noch zusätzlich gegen den Boden gezogen.

Wichtig: Lassen Sie das Pferd nicht länger wie 14 Tage in der erhöhten Position stehen! Die Bänder und Sehnen passen sich dieser Stellung an und beginnen sich zu verkürzen. Beim Zurückführen in die ursprüngliche Lage ist äusserste Vorsicht geboten. Das Vorgehen gleicht der Methode welche bei Bockhufen angewendet wird. Gehen Sie dabei unbedingt schrittweise und sehr, sehr langsam vor!

Achtung: Auf gar keinen Fall darf - aus welchen Gründen auch immer - ein akutes Hufrehepferd im Trachtenbereich "heruntergenommen", sprich die dortige Höhe eingekürzt werden!

Wir haben haben diese Technik auch angetroffen - mit verheerender Wirkung für das Pferd, da ein solches Vorgehen unweigerlich zur Förderung der eingetretenen Ischämie (Zerreissen der Weissen Linie) beiträgt. Eine Hufbeinrotation wird durch das Trachteneinkürzen gefördert und das Auslösen eines erneuten Hufreheschubes begünstigt!

Wie wird ein Pferd richtig höhergestellt um danach schrittweise die Stellung wieder zu ändern?

Zum Höherstellen eines Pferdes muss ein Kunststoffklebebeschlag verwendet werden. Dieser wird von uns von Hand hergestellt und auf jedes Pferd individuell angepasst. Nur so haben wir die Gewissheit, nach einer gewissen Zeit die Stellung des Pferdes langsam und schrittweise verändern zu können. Die entsprechenden Korrekturen im Trachtenbereich können so direkt mit einer Hufraspel auf dem Kunststoffbeschlag vorgenommen werden. Das Höherstellen eines Pferdes ist mit diversen Mitteln (Wackeleisen, orthopädische Beschläge etc.) einfach zu bewerkstelligen. Die Kunst jedoch liegt darin, das Pferd ohne Schaden in die Ursprungslage zurückzuführen.

Nachstehend einige Bilder zum Anbringen eines Kunststoffklebebeschlages und dem Höherstellen eines Hufrehepferdes:

Kunststoffbeschlag an akutem Hufrehepferd

Das Pferd darf nur auf den Seitenwänden Last aufnehmen, lassen Sie den Zehenbereich frei - so vermeiden wir die Hebelwirkung beim Abfussen in den Kronsaumbereich! Gut zu sehen die Bodenfreiheit der Hufbeinspitze.

Kunststoffbeschlag an akutem Hufrehepferd 2

Das Ganze von hinten... Achten Sie dabei, dass die Sohle beim Anbringen des Kunststoffklebebeschlages keinen Druck bekommt - also lediglich die Tragwände links und rechts im Seitenbereich nehmen Last auf.

und noch ein Bild:

Kunststoffbeschlag an akutem Hufrehepferd 3

und so sieht's aus wenn es richtig gemacht wurde, das Pferd bewegt sich wieder freiwillig - wenn auch noch etwas verspannt...

http://www.youtube.com/watch?v=GenQ8zQ_rH4

doch nun weiter im Text - es gilt keine Zeit zu verlieren...


3. Kühlen, kühlen, kühlen...

Das Pferd befindet sich bei einem Hufreheschub in einer Entzündungsphase im betroffenen Huf. Bekanntlich ist das Hufbein an der Weissen Linie in der Hornkapsel aufgehängt - also im Normalfalle optimal stossgedämpft. Diese "Aufhängung" zerreisst - hervorgerufen durch die sich im Huf befindliche Entzündung - immer mehr, solange sich das Pferd in der Akutphase befindet. Diesem Umstand muss nun schnellstens Einhalt geboten werden! Neueste Studien zeigen auf, dass durch das sofortige Kühln bei einem Hufreheschub wesentlich kleinere Schäden am Hufbeinträger (Weisse Linie) festzustellen sind. Um es nochmals zu wiederholen:

Ein Hufbein rotiert oder sinkt so lange, wie ein starkes Pulsieren in der Fesselbeuge und erhöhte Temperaturen an der Hornkapsel und am Kronsaum festzustellen sind.

Diese bereits erwähnten Studien - eine haben wir auf unserer Seite ins Netz gestellt - und unsere gemachten Erfahrungen haben aufgezeigt, dass durch starkes Kühlen - dabei sollte die Temperatur 2° Celsius oder weniger betragen, also mit Eis - die Tortur der Pferde wesentlich abgekürzt werden kann. Entsprechend schneller kann auch mit dem Entzündungshemmer/Schmerzmittel "heruntergefahren" werden. Bitte beachten Sie, dass das Kühlen mit Leitungswasser nicht ausreicht, da dies im Normalfalle bestenfalls eine Temperatur von 6° Celsius und mehr aufweist. Sollte dem Pferdebesitzer kein Eis, oder dies nicht in genügender Menge zur Verfügung stehen, ist das Kühlen mittels Schlauch immer noch die wesentlich bessere Notfallversorgung, als gar keine Kühlung! Im Normalfalle bleibt somit das Kühlen der Hufe mit Eis die einzige Alternative - es sei denn, das Pferd kann in eine Badewanne - welche speziell für Kryotherapie (Kältetherapie) gebaut wurde, gestellt werden. Wir haben eine solche Badewanne gemäss den Studien von Christopher Pollitt/Andrew van Eps von der University of Queensland (Australien) nachgebaut und im Sommer 2013 in Betrieb genommen. Die Forschungsberichte aus Australien können wir vollumfänglich bestätigen.

Und jetzt wollen wir aufzeigen, wie der Besitzer seines akuten Hufrehepferdes erheblichen Anteil an der Genesung seines Tieres nehmen kann! Was ist zu tun und wie ist dabei vorzugehen?

Ziehen Sie Ihrem Pferd an den betroffenen Hufen eine Socke über und füllen Sie die Socke mit blanken Eisstücken. Der zu kühlende Bereich ist in der nachstehednen Abbildung aufgeführt.


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - in dieser Region sollten die Hufe gekühlt werden

Achtung: In der Fesselbeuge sollten sich keine Eisstücke befinden! Sollte Ihr Pferd anfällig auf Mauke sein, muss die Region der Ballen und Fesselbeuge mit Vaseline geschützt werden.

Achten Sie ferner darauf, dass Sie keine kantigen Eiswürfel verwenden. Ideal sind Eiswürfel, welche für Drinks von Grossverteilern angeboten werden.  Und nun ist der Pferdebesitzer gefordert! Sobald die Eisstücke geschmolzen sind, müssen Neue nachgelegt werden. Gemäss den von uns gemachten Erfahrung wird dies jede Stunde der Fall sein - Tag und Nacht! Es ist ganz wichtig, dass  der Kühlprozess niemals unterbrochen wird. Je nach Schweregrad der Entzündung werden dafür 24 – 72 Stunden benötigt. Eine lange Zeit – aber es lohnt sich!

Kontrollieren Sie dabei immer wieder den Pulsschlag in der Fesselbeuge.

Er sollte, je länger gekühlt wird, immer schwächer werden. Auch das Eis wird immer langsamer schmelzen und die Abstände für das „Nachlegen“ werden immer länger. Bei Hufschuhen ist Vorsicht geboten. Sie dürfen den Kühlvorgang nicht behindern und auf keinen Fall Wärme fördern. Nochmals – die Wärme muss aus dem Huf abgeführt werden!! Es versteht sich von selbst, dass auch Verbände nicht angebracht werden dürfen. Auch bei Cool-Pads ist Vorsicht geboten. Nach einer gewissen Zeit bewirken sie das Gegenteil – sie wärmen! Verwenden Sie aus diesem Grund ausschliesslich Eiswürfel.

Die Zeit wird kommen und es wird kein erhöhter Pulsschlag mehr festgestellt. Nun ist ein grosser Teil geschafft! Ihr Pferd beginnt sich in der Regel aus eigenem Antrieb wieder vermehrt zu bewegen und Ihnen deutlich aufzeigen, dass das Kühlen nicht mehr angenehm ist. Nun beginnt die heikle Phase des Absetzens der Medikamente.  Fahren Sie langsam die Medikamente herunter und kontrollieren Sie regelmässig den Puls. Konsultieren Sie zur Absetzung auch Ihren Tierarzt.  Dieser kann Ihnen Angaben zur Dosierung der Schmerzmittel und Entzündungshemmer machen. Behalten Sie jedoch unbedingt den Kühlprozess bei! Erst wenn der Puls als normal angesehen werden kann und sämtliche Medikamente abgesetzt sind, ist die Schlacht geschlagen und gewonnen.

Sie haben Ihr Pferd nun stabilisiert!


Wir sind uns bewusst, dass das Anbringen von Eiswürfeln jede Stunde – besonders Nachts – ein grosses Engagement erfordert. Der Erfolg wird jedoch für alle Beteiligten die schönste Belohnung sein!

Immer wieder werden wir gefragt was mit Pferden - welche aufgrund einer akuten Hufrehe nur noch liegen - getan werden kann. Wir möchten kurz auf diese Problematik eingehen.

Für den Transport eines festliegenden Hufrehepferdes bedarf es professioneller Hilfe. Diese wird durch den Grosstier-Rettungsdienst sichergestellt. Diese Institution hat die Möglichkeit ein akutes Hufrehepferd mittels eines TBTN (Tier- Bergungs- und Transportnetz) zu transportieren. Das gleiche Netz wird in unserer Station verwendet, um Hufrehepferde während der Akutphase zu entlasten. Erfreulicherweise wird das Netz von Pferden in der Regel sehr gut akzeptiert.

 

Hansi im Entlastungsgeschirr

 

Die Akutphase sollte beim Einsatz von Kryotherapie in der Regel innert 3-4 Tagen überstanden sein. Ist die Entzündung abgeklungen wird das Pferd seine Hufe wieder normal - wenn auch vorsichtig - belasten. Unterstützt man das Pferd nach dieser kritischen Phase mit Hufschuhen oder einem Kunststoffbeschlag, wird sich das Pferd wieder freiwillig bewegen.

Unter keinen Umständen darf ein Pferd über längere Zeit am Boden liegen gelassen werden. Die Folgen davon werden Schürfwunden an den Gelenken sein und können sogar der Auslöser zu einer Kolik oder sogar zu einem Nierenversagen werden.


Die Frage aller Fragen:  Gesundes Pferd - oder Pferd mit chronischer Hufrehe?

Damit ist jedoch erst der erste Teil der Uebung abgeschlossen.  Wir haben sehr wohl durch das Stoppen der Entzündung eine weitere Rotation des Hufbeines oder eine Hufbeinsenkung verhindert, müssen uns jedoch bewusst sein, dass die Position  des Hufbeins innerhalb der Hornkapsel immer noch nicht stimmt. Trotz aller vorangegangener Bemühungen hat sich an der Lage des Hufbeines nichts verändert - ausser dass es nicht mehr weiter rotiert oder sogar absinkt! In diesem Falle sprechen wir von einem chronischen Hufrehepferd!

So werden -  im Normalfalle -  Pferde aus einem Tierspital entlassen. Das Tier ist entzündungs-  und schmerzfrei und wird mittels orthopädischem Beschlag als gesund nach Hause entlassen. Der orthopädische Beschlag hat jedoch lediglich die Eigenschaft, die Distanz der rotierten Hufbeinspitze zum Boden zu vergrössern. Durch die eingeschränkte Durchblutung -  hervorgerufen durch den Beschlag selbst  -  sowie durch die Vergrösserung des Bodenabstandes zum Hufbein wird das Pferd sofort wieder eingesetzt werden können.


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Hufrehehuf
Ein aus einer Tierklinik entlassenes Hufrehepferd

Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass wir es in einem solchen Falle, Zeit seines Lebens, mit einem chronischen Hufrehepferd zu tun haben werden. Obwohl das Pferd sich scheinbar ohne Probleme bewegt – manchmal treten Probleme bei Wendungen und/oder beim Bergabgehen auf  - liegen seine Hufbeine nach einer durchstandenen Hufrehe innerhalb der Hornkapsel immer noch falsch. Und auch eine Rotation von 4° ist eine chronische Hufrehe - wenn auch nur eine leichte Rotation vorliegt - es ist schlicht und ergreifend eine nicht „reparierte“ Hufrehe. Das wollen viele Pferdebesitzer nicht verstehen. Nehmen wir doch folgendes Beispiel:  Man (Frau)  ist schwanger oder nicht schwanger – ein bisschen schwanger gibt es nicht! Eine chronische Hufrehe unterliegt auch keinem Heilungsprozess  -  das rotierte Hufbein eines Pferdes kommt ohne die Hilfe des Menschen nicht mehr richtig in der Hornkapsel zu liegen.

 

Wie ist das weitere Vorgehen um das Hufbein wieder richtig zu positionieren?

Es bedarf viel Erfahrung und der entsprechenden Infrastruktur um sich an eine solche „Reparatur“ heranzuwagen. Durch einen orthopädischen Schnitt kann jedoch ein rotiertes Hufbein wieder in die richtige Position gebracht werden. Dies können wir mit zahlreichen Röntgenbildern vorher/nachher aufzeigen. Die ganze Behandlung dauert in der Regel 6-12 Monate. Abhängig davon ist das Alter des Pferdes sowie der Stoffwechsel des betreffenden Tieres. Das Pferd läuft während dieser Behandlungszeit völlig schmerzfrei. Es sollte sich jedoch unbedingt in Gruppenfreilaufhaltung mit anderen „Leidensgenossen“  bewegen können. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass der Sozialkontakt zur Förderung der Gesundung eines Pferdes erhebliche beiträgt. Die Integration eines „Pferdes mit vorangegangener Hufrehe“  bedarf  in diesem Falle jedoch auch grosser Erfahrung, die entsprechenden Voraussetzungen sowie genügend Zeit. Oftmals müssen mehrere Pferdegruppen zusammengestellt werden. Die oftmals gehörten Einwände - „ mein Pferd kann dies nicht“ - können wir so also nicht gelten lassen. Hier muss an den Eigennutz des betreffenden Pferdebesitzers appelliert werden!


Hufrehepferde im Gruppenfreilauf - eine absolut friedliche Angelegenheit!

Interessanterweise zeigen Hufrehepferde einen grösseren sozialen Zusammenhang!

Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Hufrehepferde im Gruppenfreilauf

Für ein Pferd sind ein neuer Ort sowie neue Artgenossen eine absolut spannende Erfahrung. Die Tiere werden im Kopf klarer und beschäftigen sich nicht dauernd mit ihren Hufen. Hand aufs Herz: Geht es uns während und nach einem Spitalaufenthalt nicht gleich?


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Hufrehegruppe
Auch diese Damen und Herren scheinen keinem sehr grossen Stress ausgesetzt zu sein! Auch hier handelt es sich ausschliesslich um Hufrehepferde.

Doch den eigentlichen Grund  -  warum ein Pferd die Qualen einer Hufrehe durchlaufen kann oder muss  -  haben wir bis jetzt noch gar nicht angesprochen. Der Hauptauslöser ist im Verdauungssystem eines Pferdes zu suchen. Dort befinden sich Bakterien, welche auf Aenderungen in ihrer Lebensgewohnheiten äusserst heikel reagieren. Stellt man beispielsweise das Futterangebot von Heu auf Heulage oder sogar Silage von einem Tag auf den anderen um, geraten diese angesprochenen Bakterien in Stress und scheiden ein Toxin aus. Jede Futterumstellung sollte demnach äusserst langsam und vorsichtig vorgenommen werden. Vorsicht ist auch mit Medikamenten geboten – konsultieren Sie deshalb unbedingt Ihren Tierarzt. „Gestresste" Bakterien im Verdauungstrakt können in der Regel eine sofortige Hufrehe auslösen.

 

Was läuft dann genau ab?

Wir haben sehr lange Zeit gebraucht bis wir die ganzen Zusammenhänge verstanden haben. Nachstehend können wir Ihnen die Lösung erklären. Wir müssen dazu den Huf genauer unter die Lupe nehmen:

Bekanntlich ist die Weisse Linie die Verbindungsstelle zwischen Hornkapsel und  dem untersten Knochen des Pferdes - dem Hufbein. Das Hufbein ist somit an der Weissen Linie in der Hornkapsel aufgehängt. Schaut man  genauer hin,  kann die Weisse Linie als Plättchenstruktur erkannt werden.


Quelle: Farbatlas Huf von Christopher Pollitt, Schlütersche Verlag
Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Lamellenstruktur der Weissen Linie

Eine Vergrösserung zeigt uns diese Plättchen, welche wie Tannenäste  ineinandergreifen. Auf der einen Seite ist die Hornkapsel – auf der anderen Seite das Hufbein.


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Lamellenstruktur der Weissen Linie
Quelle: Christopher Pollitt, Farbatlas Huf, Schlütersche Verlag

Die Extremitäten des Pferdes sind somit optimal gegen Stösse geschützt  -  zu vergleichen ist dies mit der Stossdämpfung eines Autos. Das Hufbein hat somit die Möglichkeit  in die Hornkapsel „hineinzufedern“ und danach seine ursprüngliche Position wieder einzunehmen. Es ist fast nicht zu glauben, jedoch ist das gesamte Pferd an seiner Weissen Linie  -  oder auch Hufbeinträger genannt -  „aufgehängt“.

Im Zuge der Verständlichkeit der ganzen Problematik  müssen wir einen kleinen Exkurs in die Lebensgrundlagen von Pferden machen:

Pferde sind praktisch überall in der Welt anzutreffen. Im Laufe der Evolution haben sich Pferde so angepasst, dass sie auch in den härtesten Klimazonen überleben können. Die Natur hat Equiden so ausgestattet, dass sie sowohl Temperaturen von -30° Celsius (und weniger)  bis hin zu 50° Celsius (und mehr) unbeschadet überstehen können. Grundvoraussetzung dafür ist jedoch die Sicherstellung von genügend Wasser und dem entsprechenden Angebot an Rauhfutter.


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Gaston im Schnee

Zurück zu den Hufen - Pferde, welche monatelang in Schnee und Eis verharren, zeigen keinerlei Probleme mit ihren Hufen, obwohl eigentlich die Weisse Linie, welche als Haut angesehen wird, erfrieren müsste. Bergsteiger können von erfrorenen Gliedmassen innert kürzester Zeit ein Liedchen singen. Der springende Punkt liegt darin, dass die Huflederhaut sehr wohl als Haut angesehen wird, jedoch nicht wie die Haut (Epidermis) eines Menschen funktioniert und ganz spezielle Eigenschaften aufweist.

Um Erfrierungen vorzubeugen liegen in dieser Huflederhaut – also der Weissen Linie – Ventile, sogenannte Arteriovenöse Anastomosen kurz AVA, welche sich schliessen und öffnen können und so die Blutzufuhr in der Blättchenstruktur regulieren. Ist der Huf also Kälte ausgesetzt, schliessen sich diese „Ventile“ und sichern durch eine starke Durchblutung das Erfrieren der Blättchenstruktur.  Gut zu sehen auf dem nächsten Bild: die AVA schliesst sich und leitet das Blut in die gesamte Struktur des Plättchens weiter.


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Durchblutung Lamellen
Quelle: Christopher Pollitt, Farbatlas Huf, Schlütersche Verlag

Eine Ischämie (Zerreissen der Blättchenstruktur) wird also durch die starke Durchblutung und somit durch die Aufrechterhaltung der Wärme innerhalb des Hufbeinträgers (Weisse Linie) mit körpereigenem Blut unterbunden.

Das Gegenteil ist bei grosser Hitze festzustellen. Damit die Körpertemperatur im Pferd nicht ansteigt, werden durch Reflexe die Ventile teilweise geöffnet und die Blutzufuhr zur Weissen Linie wird gedrosselt. Die Blättchenstruktur wird somit nicht mehr in dem Umfange durchblutet, wie es bei grosser Kälte geschehen würde.

Die Evolution des Pferdes hat hier also Grossartiges geschaffen, welches den Equiden  jedoch bei einer Entzündung im Huf zum Verhängnis werden kann. Man nimmt an, dass Botenstoffe Funktionen im Gehirn des Pferdes auslösen, die „Ventile“  in der Weissen Linie bei einer Entzündung innerhalb des Körpers zu öffnen. Bis jetzt tappt die Wissenschaft über den genauen Ablauf dieser Vorgänge noch im Dunkeln. Gehen wir jedoch davon aus, dass eine Entzündung im Huf die AVA’s öffnen und somit der Programmfehler im Hirn des Pferdes unweigerlich zu einer Ischämie des Hufbeinträgers führt, sollte demzufolge das Gegenteil durch Zuführung von Kälte bewirkt werden können. Gehen wir also hin, und gaukeln dem „Zentralcomputer“ des Pferdes vor, es sei im Hufbereich sehr kalt, so werden sich reflexartig die Ventile (AVA’s) schliessen und Blut wird in die feinsten Stukturen des Hufbeinträgers einschiessen. Mit unserer Aktion manipulieren wir also das Pferd – im wahrsten Sinne des Wortes - zu seinen eigenen Gunsten.


Notfallplan für Hufrehepferde und deren Besitzer - Durchblutungsstörung und Zerreissen der Weissen Linie
Quelle: Christopher Pollitt, Farbatlas Huf, Schlütersche Verlag

Die Studien von Christopher Pollitt/Van Eps, auf welche wir schon hingewiesen haben, sowie unsere Erfahrungen mit über 100 Hufrehepferden bestätigt diese Annahme vollumfänglich. Die Zufuhr von Kälte  -  hier sprechen wir von einer Temperatur von 2° Celsius und weniger  -  die Temperatur von Leitungswasser (6-8° C) genügt nicht  -  schliesst die „Ventile“ in der Huflederhaut und eine Hufbeinrotation sowie auch eine Hufbeinsenkung kann -  in der Regel  -  unter der Zuhilfenahme der entsprechenden Entzündungshemmern/Schmerzmittel  -  innerhalb von 48 – 72 Stunden gestoppt werden. Grundvoraussetzung ist die Gewährleistung einer permanenten Kühlung während der Akutphase mit Eis oder heruntergekühltem Wasser (Kryotherapie). Es empfiehlt sich, den Kühlprozess auch während dem „Herunterfahren“ der Medikamente beizubehalten.

Wir hoffen, dass wir Ihnen dieses Problem anschaulich genug geschildert haben. Sicherlich werden Sie nun auch verstehen, warum Hufverbände oder sogar Gipsverbände an akuten Hufrehepferden nichts zu suchen haben. Damit wird die Hitze innerhalb des Hufes gefördert statt abgeführt. Dies ist auch der Grund, warum ein akutes Hufrehepferd wochenlang nicht aus seiner Entzündungsphase herauskommt – es befindet sich in einem Teufelskreis. Ein solches Prozetere ist auch mit dem „Weicherstellen“ des Pferdes oder gar der Verhinderung der Rotation des Hufbeines nicht zu entschuldigen. Ein solches Vorgehen ist  - egal woher diese Information auch stammen mag -  schlichtweg falsch!!

Zuletzt noch folgende Anmerkung:

Zu einer Auslösung einer Hufrehe tragen in den meisten Fällen mehrere Faktoren bei. Das metabolische Syndrom EMS sowie auch Equine Cushing Syndrom ECS sind massgeblich zur Auslösung einer Hufrehe beteiligt. Ist Ihr Pferd durch eines dieser zwei Probleme vorbelastet, genügt in der Regel eine kleine Unregelmässigkeit um den „Supergau“ für das Pferd und dessen Besitzer auszulösen.

Für Fragen stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.

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