Die Geheimnisse der Schwarzen Kunst

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Das nachstehende Werk entspricht unter Umständen nicht mehr dem neuesten Stand von Technik und Wissenschaft. Es soll jedoch dem Pferdefreund einen Blick zurück in die Vergangenheit resp. einen Vergleich der Pferdehaltung sowie des „Pferdehandlings"  von früher zu heute geben. Wir als Barhufteam können uns auch nicht vollumfänglich mit allen darin gemachten Aussagen und Techniken identifizieren.


Was unsere Grossväter noch wussten...


Die Geheimnisse der Schwarzen Kunst

Vor- und Nachteile des Hufbeschlages und dem Barhufgehen von Pferden genau erklärt.


Der Hufbeschlag

     Der Hufbeschlag befasst sich mit der Herstellung eines künstlichen Schutzes an der Bodenfläche des Hufes gegen eine zu rasche und zu starke Abnützung der die inneren Hufteile schützenden Hornmasse. Ausserdem gibt es verschiedene Beschläge um das Ausgleiten der Pferde zu verhindern oder die Gangart unregelmässig oder fehlerhaft gestellter Tiere zu verbessern und damit die Leistungsfähigkeit zu erhöhen und länger zu erhalten und endlich kommen auch sogenannte orthopädische Eisen bei Huf- und Beinleiden in Anwendung. Die sachverständige Ausführung des Hufbeschlages setzt bei dem Hufschmied zahlreiche Kenntnisse und Fertigkeiten sowie ein entsprechendes Verantwortungsgefühl voraus, verlangt aber auch von dem Pferdebesitzer und Wärter, dass er wenigstens die hier in Frage kommenden Grundsätze sowohl der Beschlagsdurchführung als auch der Huf- und Beschlagspflege kennt. Gerade die Einfügung dieses Abschnittes soll den Zweck haben, dem Pferdebesitzer diese Grundregeln zu vermitteln. Wer sich noch eingehender über das hier Einschlägige unterrichten will, kann das Lehr- und Nachschlagebuch von Moser-Gutenäcker zu Hand nehmen, er wird dort in leicht verständlicher Weise in die Geheimnisse der sogenannten schwarzen Kunst eingeführt und auch das Nötige über Huf- und Beschlagspflege überhaupt vorfinden.
     In gewisser Beziehung birgt jeder Beschlag „geringe" Nachteile in sich, die sich aber bei gewissenhafter Ausführung der einzelnen Beschlagshandlungen und entsprechender Huf- und Beschlagspflege seitens des Pferdewärters so beschränken lassen, dass die Vorteile die Nachteile weit überwiegen. Die Nachteile sind folgende:


1. Der Huf berührt nicht mehr mit all den Teilen der Hornkapsel wie Hornstrahl, Sohle und Eckstreben den Boden, so dass der Gegendruck auf diese Teile vermindert wird und die Bewegungsvorgänge des Hufmechanismus beeinträchtigt werden. Dementsprechend kann die Ernährung der Huflederhaut und damit die Hornproduktion verringert werden, was die Anlage zu Zwanghuf und schlechterer Hornqualität in sich schliesst;


2. Bei weiten Hufen kann durch das verminderte Mittragen des Strahles die Entstehung des Platt- oder Vollhufes vorbereitet werden, insofern der Aufhängeapparat (Horn- und Lederhautblättchen) des Hufbeins leichter überdehnt wird und zu Senkungen der Hufbeinäste führen kann;


3. Beim beschlagenen Pferde tritt nach einigen Wochen ein Missverhältnis zwischen den sich bewegenden und abreibenden Fersenwänden und der sich nicht abreibenden Zehenwand ein, was eine Überlastung der hinteren Hufgegend und eine vermehrte Anspannung der Hufbeinbeugesehne auch in der Ruhe bewirkt, die an der äusserlich sichtbaren Zehenachsenbrechung nach rückwärts zu erkennen ist. Mit dem Wachstum des Hornes nach vorne entsteht auch eine fehlerhafte Verschiebung der Stützfläche nach vorne und nach der Seite hin und können sich daraus fehlerhaft schiefe und krumme Hufe entwickeln;


4. wird der Huf um das Gewicht des Eisens beschwert, dadurch die schwebende Gliedmasse mehr belastet und die fussende stärker erschüttert .


     Diesen Nachteilen kann z.B. schon dadurch begegnet werden, dass die Eisen nicht zu schwerfällig gewählt  und der Beschlag rechtzeitig d.h. alle 4-5 Wochen erneuert wird, um den fehlerhaft gewordenen Huf wieder richtig zuzubereiten. Wirklich schädlich machen sich offene Griff- und Stolleneisen an Vorderhufen geltend.
     Diejenigen Pferdefreunde, die ihre Pferde am liebsten im natürlichen Zustande des Barfussgehens sehen und deren Dienstleistung auch so eirichten können, dass der Beschlag entbehrt werden kann, sprechen vom Hufbeschlag als von einem sogen. „notwendigen Übel". Doch dürfte diese Art der Bezeichnung nicht berechtigt sein, da wir andernfalls im Alltagsleben von lauter notwendigen Übeln erdrückt würden. Allerdings kann der Beschlag sehr leicht zum Übel werden, wenn er nicht fachgemäss ausgeführt und der rechtzeitigen Beschlagserneuerung Rechnung getragen wird. Zu verschiedenen Zeiten haben sich in den Reihen der Pferdekundigen Stimmen erhoben, dass der Beschlag selber, wenn auch nicht gänzlich abzuschaffen sei, doch auf ein sehr geringes Mass reduziert werden könnte. Dies ist auch der Grund, warum man dazu gekommen ist, von einem schmäleren, halbmondförmigen und nur den Zehenteil schützenden Eisen Gebrauch zu machen, das nach der sog. Charlier'schen Methode in den Tragrand eingelassen keinerlei Änderungen in den natürlichen Verrichtungen des Hufes hervorruft. Die ausführliche Beschreibung dieses Eisens erfolgt weiter unten. Dagegen glaube ich, wie eigentümlich dies auch beim ersten Blick erscheinen möge, das Kapitel von Hufbeschlag nicht zweckmässiger einleiten zu können, als durch eine Erörterung der Gründe, mittelst welcher mehrere anerkannte Autoritäten ihrer Ansicht von der Entbehrlichkeit des Hufbeschlages Geltung zu verschaffen versucht haben. Diese stützen sich hierbei vor allem auf die von jedem Sachkundigen anerkannten Tatsache, dass auch der beste Beschlag einen nachteiligen Einfluss auf den Huf ausführt; ausserdem aber berufen sie sich auf eine ganze Reihe praktischer Erfahrungen, die unzweifelhaft beweisen, dass der Hufbeschlag wenigstens in vielen Fällen nicht als absolut notwendig anzusehen ist.
     Was nun zuerst die Schädlichkeit des Beschlages betrifft, ist derselben bereits Erwähnung getan worden. Nichtsdestoweniger dürfte es nicht übermässig sein, hinzuzufügen, dass sich die Theorie in vorliegendem Falle in vollkommenster Übereinstimmung mit den täglichen Erfahrungen befindet. Ich erinnere mit Bezug hierauf an die statistische Mitteilung, dass 2/5 aller in der französischen Armee zur Ausmusterung gelangenden Dienstpferde mit huf- oder Beinleiden behaftet sind, die allerdings teils auch darauf zurückzuführen sind, dass es in Frankreich nur harte Strassen gibt und auf diesen ohne Rücksicht getrabt und galoppiert wird. Mich däucht, dass eine einzige Tatsache dieser Art genügen sollte, um die Freunde des edlen Pferdes zu veranlassen, eine gründliche und vorurteilslose Untersuchung aller hiermit zusammenhängenden Verhältnisse vorzunehmen.
     Die Entbehrlichkeit des Hufbeschlages geht nach der Ansicht obiger Pferdefreunde schon daraus hervor, dass die Hufe des unbeschlagenen Pferdes von der Natur instand gesetzt werden, der auf harten, holperigen Strassen drohenden starken Abnützung erfolgreichen Widerstand zu leisten. Der gleichen Ansicht huldigten bereits verschiedene ältere Schriftsteller. Osmer, ein englischer Verfasser des vorigen Jahrhunderts, schreibt z.B.  hierüber: „An vielen Orten sind die Pferde bis zum heutigen Tag auch auf dem härtesten Boden unbeschlagen gegangen und in unserem Vaterlande habe ich mehrere Pferde gekannt, die ohne irgend welchen Nachteil unbeschlagen ihren Dienst auf den harten Strassen in der Umgebung von London verrichtet haben. Meine Ueberzeugung ist auch, dass die meisten Pferde ihr ganzes Leben hindurch unbeschlagen auf wie immer gearteten Strassen gehen könnten, wenn man nur dafür Sorge trüge, dass ihre Zehen verkürzt würden , denn Hufe, die in Berührung mit harten Flächen kommen, werden von der Natur dieser Verrichtung angepasst."
     Derselbe Gegenstand ist neuester Zeit in mehreren angesehenen Fachzeitschiften wie „The Farm Journal", „The Field", „Der Hufschmied" usw. ausführlich besprochen worden, und welchen Standpunkt man auch zu der Hauptfrage einnehmen möge, wird man doch die von zahlreichen geachteten Männern bezeugte Tatsache, dass unbeschlagene Pferde mit grösstem Nutzen zu anstrengender Arbeit auf harten Strassen gebraucht worden sind, kaum ignorieren können.
     So schrieb z.B. ein bekannter englischer Fachmann im „Field" folgendes: „Ich importierte vor einigen Jahren von Norwegen einen Hengst und mehrere Stuten. Diese Pferde waren beschlagen und blieben es auch. Von ihrer Nachzucht haben aber nur die zwei Exemplare, die nie beschlagen wurden, meinen Erwartungen entsprochen. Die übrigen wurden verkauft und ich habe dieselben aus dem Gesicht verloren. Eines der unbeschlagenen Tiere überliess ich einem Freunde, der dasselbe, obwohl es über vier Jahre auf den harten Strassen von Cumberland Zugdienst leisten musste, stets barfuss gehen liess. Das zweite Exemplar blieb bei mir; seine Füsse sind so hart und zäh wie Eichenholz. Dies hat nichts Überraschendes in meinen Augen, sondern ich betrachte die harten, widerstandsfähigen Hufe als die Frucht meiner Aufzuchtsmethode. Sobald das Fohlen alt genug war, um angehalftert zu werden, band ich es an den Karren, vor dem sein Vater oder seine Mutter zur Station um Kohlen geschickt wurde. Auf diese Weise ging das junge Tier eine Woche nach der anderen im Schritt auf allen Gattungen harter Strassen. Einmal wurden die Hufe etwas empfindlich, aber nach einer Ruhepause von wenigen Tagen war der Gang wieder ebenso sicher wie früher. Im Stalle stand das Fohlen stets auf Steinpflaster, dessen Härte nur nachts durch eine gute Streu gemildert wurde. Zuerst splitterten sich die Hufe etwas an den Zehen ab, dem wurde jedoch bald mit der Raspel abgeholfen. Während des vorjährigen Winters ging das junge Pferd Tag für Tag vor einem leichten Wagen, ohne je auszugleiten, auf furchtbar glatten Strassen, welche die anderen Pferde nur mit geschärften Eisen betreten konnten. Tatsachen sind Tatsachen."
     Derselben Zeitschrift entnehme ich eine aus Hawaii stammende Mitteilung, laut welcher die dortigen Maultiere und Esel stets barfuss gehen. Der betreffende Korrespondent berichtet weiter, dass man mit diesen in den felsigen Teilen Hawaiis gezogenen Tieren 300 englische Meilen zurücklegen könne, ohne dass deren Hufe den geringsten Schutz benötigen, und dass ein Fohlen, das seine ersten Lebensjahre in der Felsengegend zugebracht habe, stahlharte Hufe bekomme. Solche Pferde seien aber auch 50% mehr wert, als die in den dortigen Grasdistrikten aufgezogenen Tiere. Wenn man nun bedenkt, dass ein grosser Teil von Hawaii aus steinharten Lavaschichten besteht, so dürfte die oft gehörte Behauptung, dass der Hufbeschlag auf hartem Boden unvermeidlich sei, hinfällig erscheinen.
     Im Inneren Australiens reitet alles auf unbeschlagenen Pferden. Besonders auf den endlosen, manchmal steinharten, oft auch bei Regen schlüpfrigen Grasweiden wäre es nach der Ansicht der Australier höchst gefährlich, auf eisenbeschlagenen Pferden zu reiten. Aber so sind auch die Hufe der Buschmannpferde steinhart.
     Ende 1898 starb in Paris Dr. Gruby, ein Mann von etwa 80 Jahren, Arzt an der Deutschen Botschaft. Dieser Mann hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Hufe seiner Pferde dermassen widerstandsfähig zu machen, dass der Beschlag entbehrlich würde. Seine zu diesem Zwecke gemachten Versuche reichen bis zum Jahre 1858 zurück. Seine eigenen Pferde, die er zur Ausübung seiner ausgebreiteten Praxis benützte, gingen Sommer und Winter unbeschlagen. Neben sorgfältiger Vermeidung jeder Entfernung des Sohlen- und Strahlhornes verwendete Gruby eine Mischung von Eisenfeilspänen, Öl und Erde, auf welcher die Pferde stehen mussten, um, wie ihr Besitzer meinte, dadurch die Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Hufsohle zu erhöhen.
     Auf der schwedischen Insel Gotland sah ich einen 21 jährigen Ponyhengst, der, obwohl er von seiner  frühesten Jugend an zu ungemein anstrengenden Fahrten auf harten Strassen verwendet war, nie ein Eisen am Fuss gehabt. Die Hufe dieses tapferen, kleinen Hengstes waren hart wie Stahl.
     Die noch immer in den Augen der grossen Menge als ein blosses Hirngespinst erscheinende Ansicht, dass gerade die harten Strassen einen wohltätigen Einfluss auf die unbeschlagenen Hufe ausüben, wird auch von dem fachkundigen Verfasser des in England herausgekommenen Werkes „Horses and Roads" verteidigt. Es heisst dort: „Frauen, die mit dem Spaten arbeiten, bekommen hornige Gebilde an den Fingern; junge Damen, die nur Seide, Samt oder Wolle berühren, behalten weiche Hände. Dieselben Ursachen, dieselben Wirkungen, und deshalb schaffen harte Strassen, was auch alle Überlieferungen und Vorurteile dagegen einwenden mögen, harte, zähe Hufe. Ich habe während eines Vierteljahrhunderts eine Menge unbeschlagener Pferde gebraucht. Es ist also kein in der Studierkammer zusammengesetztes Gewebe theoretischer Vermutungen, sondern eine auf vieljährige, praktische Erfahrung gestützte Ueberzeugung, die mich dazu bewogen hat, den Kampf um die Befreiung des Pferdes von dem ebenso schädlichen als überflüssigen Beschlagzwang aufzunehmen."
     Dass eine vernünftige Zurichtung des Hufes und ein Beschlagen desselben mit dem Charlierschen Zeheisen für eine ebenso zweckmässige wie notwendige Vorbereitung zum Barhufgehen zu halten ist, darin stimmen alle Fachmänner überein.
     Meine eigene Erfahrung bezüglich der Vor- und Nachteile des Barfussgehens für Pferde ist leider nicht auf so vielseitige und gründliche Versuchte gestützt, dass ich es wagen könnte, hier mit derselben hervorzutreten. Dagegen bezweifle ich keinen Moment, dass der Beschlag ein Übel ist, von dem die Tiere möglichst lange, d.h. bis anstrengende Arbeit auf hartem Boden ihren Anfang nimmt, verschont bleiben sollten, dass die von verschiedenen Seiten wärmstens befürwortete gänzliche Befreiung vom Beschlag verdiente, auch bei uns zum Gegenstand gründlicher Versuche gemacht zu werden und dass, falls diese Versuche zu keinem günstigen Ergebnisse führen sollten, die gegenwärtig gebräuchliche Form der Eisen mit grösstem Nutzen durch ein Eisen ersetzt werden könnte, dass die naturgemässe Entwicklung und Verrichtungen des Hufes weniger beeinträchtigt.
     Leider dürfte es noch sehr lange dauern, bis eine so durchgreifende Reform des Hufbeschlags zu gewärtigen sein kann. Wie lebhaft ich auch von den Mängeln des jetzigen Beschlagsystems überzeugt sein möge, umso mehr sehe ich mit genötigt, dasselbe in diesem Handbuch gründlich zu beschreiben, denn praktische Brauchbarkeit möchte ich denn doch vor allem dem „Buche vom Pferde" sichern. Ob ein Pferd beschlagen werden soll, hängt mit davon ab, in welcher Gegend es aufgezogen wurde. Pferde, die ihre Jugend auf gebirgigen Weiden verbracht haben und solche, die andererseits in der Niederung stets harte, durch Wind und Sonne zur Tenne gewordene lehmbödigen Weiden beziehen mussten, werden härtere und widerstandsfähige Hufe haben als Pferde, die auf feuchten, moorigen und weichen Weiden gross gemacht wurden. Auch behaupte ich, dass die Vererbung schlechter und guter Anlagen des Hufes eine grosse Rolle spielt. Als allgemeine Richtlinie mag für deutsche Verhältnisse dienen: Reitpferde, die lediglich Reitpferde sind und ihren Dienst auf weichen Wegen oder querfeldein tun und mit Pflaster kaum jemals oder höchstens ganz vorübergehend, mit Chausseen selten in Berührung kommen, kann man unbeschlagen, bzw. nur vorne beschlagen, getrost gehen lassen; kommen solche Pferde während des Winters nur in die Reitbahn, so gibt es in der Tat nichts Besseres, als sie dann gar nicht zu beschlagen. Auch Ackerpferde, die ihre Arbeit grösstenteils auf weichem Boden verrichten und nur ab und zu auf Chausseen oder in die Stadt kommen, braucht man nur vorne, teilweise auch überhaupt nicht mit Eisen versehen zu lassen. Für Wagenpferde, die immer mit weiten Strecken auf Pflaster und Chausseen rechnen müssen, würde ich den Versuch, sie nicht zu beschlagen, jedenfalls mit grösster Vorsicht machen.
     Die Kunst des Beschlagens aus einem Buche zu erlernen, ist natürlich undenkbar. Zum Glück kann jeder die Theorie der rationellen Hufpflege beherrschende, denkende Mensch, auch wenn er nicht imstande sein sollte, einen Nagel einzuschlagen, grosse Nutzen beim Beschlagen leisten, falls er sich nur die Mühe geben will, den Hufschmied bei seiner Arbeit zu überwachen. Es gereicht mir zur besonderen Befriedigung, mich in dieser Hinsicht als ermutigendes Beispiel hinzustellen zu können. Als die schwedischen Rennställe „Kaptain Frisk" und „Mr. Jarrow" ihr Training-Quartier auf meiner Besitzung aufschlugen, gab es keinen geprüften Hufschmied in der ganzen Gegend. Ich hatte daher nur die Wahl unter gewöhnlichen Bauernschmieden. Meine Lage war bedenklich, denn wenn je, gilt wohl das englische Sprichwort: „No foot, no horse" (kein Fuss, kein Pferd) für den Rennstall. Dennoch verlor ich den Mut nicht, sondern fasste den Entschluss, zu erproben, welchen Effekt eine scharfe Überwachung im Verein  mit einer vernünftigen, wohlwollenden Anleitung auf den bei mir angestellten Bauernschmied haben würde. Und siehe da, der Versuch gelang über alles Erwarten. Es dauerte nicht lange, so beschlug der Mann schwierige Rennpferde zu allseitiger Zufriedenheit. Einen Teil dieses Erfolges darf ich wohl auch mir zuschreiben, denn ich war bei jedem Beschlagen dabei und überwachte alle noch so unbedeutenden Einzelheiten der Handlungen mit pedantischer Genauigkeit. Damit nun der Leser nicht annehmen möge, dass ich das Resultat meiner Mühe zu freundlich beurteilt, erlaube ich mir, folgendes Schreiben mitzuteilen, das ich im Jahre 1878 vom Direktor der Königlichen Tierarzneischule zu Stockholm, Herrn Professor Morell, zu empfangen die Freude hatte:
     „Vor einiger Zeit besichtigte ich ein paar Wagenpferde, die Sie kürzlich dem Herrn G. hierselbst verkauft haben. Da ich weder in Schweden noch im Auslande je besser beschlagene Pferde gesehen, erlaube ich mir die ergebene Anfrage, ob diese Tiere vor dem Transport in der neuen Fahrschule bei Klämestorp beschlagen worden sind. In diesem Falle müsste dort ein ausgezeichneter Lehrschmied oder wenigstens ein sehr geschickter Schüler eines solchen angestellt sein. Ich fand mich deshalb auch veranlasst, den Lehrschmied unserer Schule aufzufordern, diesen Beschlag genau anzusehen, aber leider waren die Pferde schon neu beschlagen, als der Schmied zu Herrn G. kam. Ich, oder richtiger die Tierarzneischule, wäre Ihnen daher sehr verbunden, wenn Sie uns ein paar Mustereisen von dem Schmied schicken wollten, der die Pferde zuletzt bei Ihnen beschlagen." - Es gab mir natürlich grosse Befriedigung, dem Herrn Professor antworten zu können, dass die beiden Pferde von einem ganz gewöhnlichen, ungeprüften, bäuerlichen Schmied beschlagen worden waren, der auch „die musterhaften Eisen" unter meiner Aufsicht angefertigt, aber bestimmt seine beste Eigenschaft, die Bescheidenheit, verlieren würde, falls er erführe, dass eine der Koryphäen der schwedischen Tierarzneischule ihn in Verdacht gehabt, „ein ausgezeichneter Lehrschmied" zu sein.
     Meiner Ansicht nach ist diese kleine Episode umso lehrreicher, als ich, obgleich einigermassen zuhause in der Theorie der Hufbeschlag Kunst, mit dem Beschlagwerkzeug nicht umzugehen verstehe, und der betreffende Schmied, als ich seine Bekanntschaft zu machen das Vergnügen hatte, weder was Intelligenz noch Geschickt betrifft, über den bäuerlichen Schmieden der  so genannten "guten alten Zeit" stand. Sein einziger Vorzug war, dass er keine Vorurteile hatte und meinen Weisungen Folge leistete. Deshalb glaube ich auch, jedem Pferdebesitzer garantieren zu können, dass er, wenn er nur ernstlich will, imstande sein wird, seinen Pferden die Wohltat eines möglichst rationellen Beschlages zu sichern. Und möge sich niemand dem Wahne hingeben, dass die Notwendigkeit der Überwachung in demselben Masse schwindet, als die Geschicklichkeit des mit dem Beschlage betrauten Schmiedes zunimmt, denn leicht gezählt sind in allen Schichten der menschlichen Gesellschaft jene Menschen, die immer mit derselben Gewissenhaftigkeit arbeiten, ob sie sich nun überwacht fühlen oder wissen, dass alles ihren guten Willen und ihrem Pflichtgefühl überlassen bleibt.
     Welche Kenntnisse ich als die notwendige Voraussetzung einer erfolgreichen Überwachung betrachte, geht aus dem folgenden hervor.
     Die Gliedmassen des Pferdes bestehen aus Knochen, Knorpel, Bändern, Muskeln, Sehnen, Gefässen, Nerven und Haut. Die Knochen des Hufes, mit denen wir es hier zu tun haben, sind: das Hufbein, Strahlbein und Kronbein (Fig. 791).
     Das Hufbein, das so wie der untere Teil des Kronbeins in der Hornkapsel eingeschlossen ist, hat normal die Gestalt seines Hufes. An diesem sehr porösen Knochen unterscheidet man drei Flächen - Wand-, Sohlen- und Gelenksfläche - zwei Ränder - einen oberen oder Gelenkrand und einen unteren oder Sohlenrand - und drei Fortsätze - den Kronfortsatz, zur Befestigung der Strecksehne und die beiden Hufbeinäste, an denen sich die Hufknorpel ansetzen (Figur 792).


     Das Strahlbein (Fig. 793 + 794) ist ein kleiner, Weberschiffchen ähnlicher Knochen, der rückwärts vom Hufbein unter dem Kronbein liegt und der Beugesehne als Rolle dient.
     Das Kronbein (Fig. 795 und 796) ist ein würfelförmiger Knochen, dessen obere Fläche mit dem Fesselbeine in Verbindung steht, mit dem unteren Gelenkende auf den Gelenksflächen des Huf-und Strahlbeines ruht und nur mit seinem unteren Teile in der Hornkapsel eingeschlossen ist.
     Diese drei Knochen bilden miteinander das Hufgelenk; das Kronbein dagegen bildet mit seinem oberen Ende und dem unteren Ende des Fesselbeines das Korngelenk. Beide Gelenke sind durch Bänder miteinander verbunden und werden durch Sehnen bzw. deren Muskeln bewegt. Jedes dieser Gelenke ist von einer dünnen Haut, dem sog. Kapselband, eingeschlossen, dessen innere Fläche die Gelenksschmiere absondert.


     Die Bewegungen des Hufgelenkes bestehen hauptsächlich in Beugung und Streckung, jedoch haben ältere Forschungen (siehe Peters „Mechanische Untersuchungen" und neuere auch kleine seitliche Bewegungen sowohl in der Beugung als in der Streckung festgestellt.
     Die Sehnen des Hufes, die von Muskelenden ausgehend, das Strecken und Beugen bewirken, sind:


     a) Die Strecksehne (Fig. 797a), die, wie ihr Name andeutet, eine streckende Wirkung hat und mitten auf der vorderen Fläche des Kronbeines liegt, von wo sie auch abwärts zum Hufbein geht und am Kronfortsatz (Streckfortsatz) endigt.
     b) Die Beugesehne des Hufbeines (Fig. 797), die, von ihrem Ursprung an, von der vorhergehenden bedeckt ist, am Kronbeine dieselbe durchbohrt und darauf, über das Strahlbein gehend, in einem halbmondförmigen Ausschnitt der unteren Fläche des Hufbeines endet.
     Die Hufbeinbeugesehne hat eine beugende Wirkung auf das Kron- und Hufgelenk.
     Folgende Schlag- oder Pulsadern haben die in die Hornkapsel eingeschlossenen Teile mit Blut zu versorgen:
     a) die beiden Kronschlagadern (Fig. 798b);
     b) die Strahlschlagader (Fig. 799e);
     c) die beiden Hufschlagadern (Fig. 798c).
     Die Venen oder Blutadern des Hufes haben gleiche Benennung und nahezu gleichen Lauf.
     Was die Nerven des Hufes betrifft, bestehend dieselben ausschliesslich aus Gefühls- oder Empfindungsnerven, die vom Gehirn und Rückenmark ausgehend, sich ebenso wie die Blutgefässe im Hufe verzweigen. Die Bestimmung dieser Nerven ist, jede noch so leise Empfindung in den Hufgebilden zum Gehirn zu leiten, wo sie zum Bewusstsein des Tieres gelangt. Und da nun der ganze Huf mit Ausnahme der hornigen Gebilde Nerven hat, ist auch der Fuss des Pferdes sehr gefühlsreich.


     Wir kommen nun zu den Weichteilen und der Haut des Hufes, die eine Fortsetzung der Körperhaut ist, die aber hier statt Haare Horn absondert. Man unterscheidet eine Oberhaut (Horn) und eine Lederhaut. Die einzelnen Teile der Lederhaut sind: Saum-, Kron-, Wand-, Sohle-und Strahllederhaut. Die Saumlederhaut ist der Übergang der Haarlederhaut zur Huflederhaut.
     Kronlederhaut (Fig. 800c) nennt man die ringförmige Wulst, die zwischen der Haut und Wandlederhaut in der Kronrinne des Hufes liegt. Sie ist an Ihrem Zehenteil dicker und hervorstehender als an den Seitenteilen und hinten, wo sie allmählich in den Strahl übergeht. Da die Krone hauptsächlich aus Blutgefässen und Nerven besteht, ist sie sehr gefühlsreich. Äusserlich zeigt sie eine grosse Anzahl kleiner fadenförmiger Zotten, die sich in kleinen Öffnungen der Kronenrinne des Hufes herabsenken, Horn absondern und Hornröhrchen bilden, aus denen die Hornwand besteht.
     Die Wandlederhaut (Fig. 800d) ist jenes blättrige Gebilde, das die ganze Wandfläche des Hufbeines  und die innere Fläche der  Hufbeinäste überkleidet. Sie ist eine Fortsetzung der Krone, die bei ihrem Übertritt an die Wandfläche einen eigentümlichen, blättrigen Bau annimmt. Die Wandlederhaut ist nämlich aus einer grossen Anzahl von sog. Lederhautplättchen (500 - 600) zusammengesetzt, die von der Krone über die Wandfläche des Hufbeines bis zum Sohlenrande laufen und sich in die entsprechenden Vertiefungen der Hornwand genau einlegen.


Die Wandlederhaut umgibt das Hufbein und einen Teil der Hufknorpel und legt sich rückwärts, dort wo die Eckstrebenwinkel der Hornkapsel sich befinden, gegen die Sohle zu und bildet hier den Eckstrebenteil der Wandlederhaut (Fig. 801a). Die Wandlederhaut dient zur festen Verbindung der Hornwand mit dem Hufbeine, sowie zur Erzeugung der Hornplättchen, der Hornwand und des Hornes des Blättchenstreifens des Hufes.
     Die Sohlenlederhaut (Fig. 801) ist der die Sohlenfläche des Hufbeines überziehen Teil der Huflederhaut. Ihre Oberfläche ist mit Zotten bedeckt, aus denen röhrenförmiges Horn gebildet wird. Von der Fersenwand zieht sich die Eckstrebenlederhaut, anfangs von Lederhautblättchen begleitet, als zottentragende Lederhaut um die Strahlspitze herum zur anderen Fersenwand, das Strahlkissen wird von der Strahllederhaut überzogen. Das Strahlkissen dient als ein sehr elastisches Polster dem Hufgelenke und dem Ende der Hufbeinbeugesehne als schützende Unterlage.
     Die Sohlenlederhaut ist bestimmt zur festen Verbindung der Hornsohle mit dem Hufbein. Auf der Sohlenlederhaut wird die Hornsohle, auf der Strahllederhaut der Hornstrahl erzeugt.
     Der Mutterboden der Hornkapsel sind die auf der Lederhaut sitzenden Zylinderzellen der Oberhaut oder die sog.  Oberhautleimzellen. Werden diese Schichten beschädigt, so leidet auch die Hornbildung und das erzeugte Horn zeigt eine ungesunde Beschaffenheit.
     Wir gehen nun zur Hornkapsel über.


     Die Hornkapsel (Fig. 802) bildet ein zusammenhängendes Ganzes, das die inneren empfindlichen lebenden Teile schützt und das an der Hornwand hängende Hufbein federnd trägt. Diese Kapsel besteht aus drei verschiedenen Teilen und zwar


1. aus der Hornwand
2. als der Hornsohle und
3. aus dem Hornstrahle.


     An der Hornwand oder dem Abschnitt, der den unteren Teil des Pferdefusses von vorn und von den Seiten umgibt, unterscheidet man eine äussere und eine innere Fläche, eine Zehenwand, zwei Seitenwände und zwei Fersenwände. Den Teil der Wand, der den Boden berührt, nennt man Tragrand, wohingegen der obere Rand, der mit der Kronlederhaut in Berührung kommt, Kronrand genannt wird.
     Die äussere Fläche der Hornwand soll an einem guten Huf glatt sein und keine Rauhheiten - wie Risse, Furchen, Ringe - zeigen. Sie ist an ihrer ganzen Oberfläche mit einer von dem Saumbande der Hornwand stammenden dünnen, durchsichtigen und glänzenden Hornschichte überzogen, die Glasur heisst und für den Huf dieselbe Bedeutung hat, wie der Schmelz für den Zahn. Die Glasur dient dazu, die in der Hornwand enthalten Feuchtigkeit zurückzuhalten und so den Huf vor zu grosser Austrocknung zu schützen.
     Die innere Fläche der Hornwand (Fig. 803a) umgibt die Wandlederhaut, mit der sie fest verbunden ist. Man bemerkt an ihr etwa 600 schmale, sehr dünne, in gleichen Abständen nebeneinander stehende Hornplättchen, die in schräger Richtung von oben und hinten, nach vorne und unten verlaufen. Der obere Rand, der Kronrand heisst (Fig. 802c), wird durch die Saumlederhaut und den Hornsaum mit der Haut verbunden. Unterhalb dieses Randes befindet sich eine mit einer Menge kleiner Öffnungen versehene Rinne zur Aufnahme der Kronlederhaut, die sog. Kronrinne.Der untere Rand der Hornwand heisst Tragrand (Fig. 804b). Da er bestimmt ist, mit dem Boden in Berührung zu kommen, hat er eine stärkere Hornmasse erhalten. An seinem inneren Rande vereinigt sich der Tragrand mit der Hornsohle durch einen schmalen hellgefärbten Streifen, der Blättchenstreifen ("weisse Linie" benannt wird und die Dicke der Hornwand angibt (Fig. 804c).
     Die Zehenwand, Seitenwände und Fersenwände sind nicht gleich stark. Am stärksten ist die Zehenwand. Von der Zehen-zur Fersenwand nimmt aber die Dicke allmählich ab und zwar derartig, dass sie bei regelmässig gebauten, mittelgrossen Vorderhufen an der Zehe etwa 11-13 mm, an den Seiten 6,5 - 8,5 mm, an den Fersenteilen etwa 4,5 - 6,5 mm, bei regelmässigen mittelgrossen Hinterhufen an der Zehe etwa 11 mm, an den Seiten 6,5 - 8,5 mm und an den Fersenteilen 5,5 - 6,5 mm beträgt.


     Ebenso wie sich die Dicke der Hornwand allmählich von der Zehen- zur Fersenwand vermindert, nimmt auch die Länge der Hornwand von der Zehe zur Ferse allmählich ab und zwar an regelmässig gebauten Hinterhufen im Verhältnis von 2 zu 1½ zu 1.
     Die Neigung der Wand gegen den Erdboden ist am grössten an der Zehe und nimmt gegen die Seiten zu allmählich ab, so dass die Fersenwände nahezu senkrecht stehen. Die Aussenwand behält indessen immer eine etwas grössere Neigung gegen den Erdboden, als die innere Wand. Als allgemeine Regel gilt, dass die Zehenwand an einem normalen Vorderhuf mit dem er Erdboden einen Winkel von 45° und am Hinterhufe einen von 50-55° bilden soll.
     Eckstreben (Fig. 804aa) nennt man die im Fersenwinkel nach innen umgebogene Hornwand, die neben den Strahlfurchen bogenförmig um die Strahlspitze herumläuft. Der Zweck der Eckstreben ist, eine zu grosse Erweiterung und eine zu grosse Zusammenziehung des Hufes zu verhindern. Gleichzeitig aber wirken sie wie ein paar Federn, indem sie die bei der Bewegung entstehende Erschütterung auf die Fersenwände übertragen; auch schützen Sie den Strahl gegen den Druck der Ballenwand.
     Die Bestimmung der ganzen Hornwand besteht hauptsächlich darin, die Last des Körpers zu tragen und den von ihr eingeschlossenen Hufgebilden Schutz gegen Verletzungen zu gewähren.


     Die Hornsohle (Fig. 801d) bedeckt die ganze Sohlenlederhaut und besteht aus einer gewölbten Hornplatte, die zwischen dem Tragrand der Hornwand, den Eckstreben und der Strahlspitze gelagert ist. Man unterscheidet an der Hornsohle eine grössere, ausgehöhlte und eine innere gewölbte Fläche welche Letztere eine Menge kleiner Löcher, zur Aufnahme der Zotten der Sohlenlederhaut enthält. Der äussere Rand der Hornsohle ist mit dem Tragrand der Hornwand durch den Blättchenstreifen verbunden. Der innere Rand bildet einen keilförmigen Ausschnitt und steht mit den Eckstreben und der Strahlspitze in Verbindung (Fig. 805). Die Sohle ist nicht überall gleichmässig stark, sondern nach dem inneren Rande und in den Astteilen schwächer als an dem äusseren Rande. Die Bestimmung der Hornsohle ist, die Hornkapsel nach unten zu schliessen, die über ihr gelagerten empfindlichen Teile vor Beschädigung zu schützen, zur Erweiterung der Hornkapsel beizutragen und, im Verein mit dem Tragrande, der Hornwand und dem Strahle die Körperlast tragen zu helfen.
     Hornstrahl (Fig. 806 u. 807) wird der unmittelbar unter der Strahllederhaut liegende, fest mit demselben verbundene, keilförmige und elastische Teil des Hufes genannt, der den Raum zwischen den Eckstreben ausfüllt. Die innere Fläche des fast dreieckigen Strahles ist ausgehöhlt und zeigt in ihrer Mitte nach hinten zu eine starke Erhöhung (Fig. 807a), den Hahnenkamm, durch den die ausgehöhlte Fläche des Strahles in zwei Rinnen oder Furchen (Fig. 807bb) geteilt wird. Die äussere Fläche wird durch eine Grube, die sog. mittlere Strahlgrube (Fig. 806a), in zwei Schenkel (Fig. 806c) geteilt. In jedem Hufe entstehen zwischen den Eckstreben und dem Strahle zwei Furchen, die äussere und innere Strahlfurche benannt werden. Das vordere Ende des Strahles heisst Strahlspitze (Fig. 806d). Die Bestimmung des Strahles ist:


1. Beim Niedersetzen des Fusses zur Erweiterung der Fersenwände beizutragen.
2. Das Hufbein bzw. dessen Aufhängeapparat beim Tragen der Last zu
    unterstützen und vor Überdehnungen zu schützen.
3. Ein zu starkes Zusammenziehen der Fersenwände zu verhindern.
4. Die beim Fussen der Gliedmassen entstehenden Stösse zu mildern.
5. Das Ausgleiten der Pferde zu verhindern.


     Die hornigen Ballen sind die hinteren, abgerundeten Enden der Strahlschenkel, die sich mit ihrem dünnen Horn an die behaarten Ballen anlagern.
     Zur Vervollständigung dieser kurzen Darstellung der Anatomie des Hufes sei schliesslich auch der Unterschied in der Form der Vorder-und Hinterhufe hervorgehoben.
     Der Vorderhuf (Fig. 808) ist vielfach etwas grösser als der Hinterhuf (Fig. 809). Die Hornwand des Hinterhufes ist steiler gegen den Erdboden geneigt, als diejenige des Vorderhufes, die Zehenwand ist nur etwa um die Hälfte höher als die Fersenwand; der Tragrand ist nicht kreisförmig, sondern mehr herzförmiggerundet; die Sohle ist dicker als am Vorderhufe und stärker gewölbt; die Zehenwand der Vorderhufe ist stärker als diejenige der Hinterhufe.
     In betreff der Farbe des Hufhornes ist zu bemerken, dass es schwarze, graue, gelbliche und helle, fast pigmentlose Hufe gibt.
     Die den gesunden Huf auszeichnenden Eigenschaften sind hauptsächlich folgende:
     Keines der in der Hornkapsel eingeschlossenen Gebilde zeigt eine erhöhte Empfindlichkeit.
     Die Temperatur ist sowohl an der Krone, wie an den übrigen Teilen des Hufes, eine normale und gleichmässige.
     Die Krone bildet einen gleichmässigen, schwachen Wulst ohne harte oder weiche Austreibungen.


     Die Hornwand ist an ihrer ganzen Oberfläche gleichmässig wie von einem Firnis mit der Glasur überzogen und hat weder Spalten noch Klüfte.
     Zehen und Fersenwand stehen im richtigen Höhenverhältnis zueinander.
     Die Hornsohle besteht aus einer mässig gewölbten, an ihrem ganzen Umkreise mit dem Blättchenstreifen fest verbundenen Hornmasse.
     Die Eckstreben sind vollständig erhalten, nicht ausgebrochen.
     Der Strahl ist mässig gross mit weiten, trockenen Furchen versehen.
     Die Ballen sind mässig stark hervorgewölbt, elastisch und durch eine seichte, breite und trockene Furche voneinander getrennt.
     Ihre vollkommene Entwicklung erreichen die Hufe im fünften Lebensjahre des Pferdes.
     Was das Wachstum des Hufes betrifft, ist zu bemerken, dass das Saumband und die Glasur von der  Saumoberhaut, die harte und weiche Schutzschichte der Hornwand von der Kronenoberhaut, die Hornsohle vom der Sohlen- und der Hornstrahl von der Strahloberhaut herabwächst. Der von der Krone aus erfolgende Nachschub der Hornwand beträgt im Durchschnitt 1 cm in 4 Wochen. Schneller erfolgt der Nachschub der Hornsohle und des Strahles.
     Pader schliesst aus zahlreichen Untersuchungen, die er ausführlich in der Revue véterinaire veröffentlicht hat, dass der Durchschnitt des Wachstumes des Hufhornes beim Pferde und beim Maultier sich folgendermassen gestaltet:
     a) beim Pferde beträgt er monatlich:
                      an der Zehe 8.15 mm
                      an der inneren Seitenwand 8.45 mm
                      an der äusseren Seitenwand 8.42 mm
                      an der inneren Trachtenwand 8.97 mm
                      an der äusseren Trachtenwand 8.93 mm
     Der Jahresdurchschnitt des Hufhornwachstums beträgt beim Pferde 1031 mm. Die Fersen wachsen durchschnittlich um 10 mm mehr als die Zehe.
     Im Zusammenhang hiermit sei auch erwähnt, dass sowohl ältere als neuere Verfasser (Max Fugger, Bracy Clark, G. Flemming, H. Möller u.a.m.) der Ansicht sind, dass unbeschlagene Hufe schneller als beschlagene wachsen und frühzeitiger Beschlag einen hemmenden Einfluss auf die Entwicklung des Hufes ausübe. Diese Tatsache beruht auf den Zirkulationsvorgängen in der Huflederhaut, die in den unbeschlagenen Hufen unter vorteilhafteren Bedingungen stattfinden, als in der durch Hufeisen in ihrer Bewegung mehr oder weniger behinderten Hornkapsel.
     Kaum weniger wichtig als die Kenntnis von dem Bau des Pferde Hufes ist die Lehre von den mechanischen Verrichtungen desselben.
     Wie Adam in seinen „Vorträgen über Pferdekunde" hervorhebt, ist die Art der Belastung des Hufes in den verschiedenen Gangarten und an den Vorder- und Hintergliedmassen nicht ganz gleich. (Vgl. Moser-Gutenäcker S. 51.)
     Auf ebenem Wege und im Schritt tritt der Vorderhuf mit dem Tragrande der Zehe entweder einen sehr kurzen Moment früher auf als mit den übrigen Teil des Tragrandes, oder er wird vollkommen flach aufgesetzt, so dass der ganze Tragrand den Boden gleichzeitig berührt. Beim schweren Ziehen und beim Bergaufgehen berührt die Zehe stets zuerst die Erde. Der Hinterhuf wird im Schritt häufig so aufgesetzt, dass zuerst die Zehe und dann erst die Seiten- und Fersenteile des Tragrandes auftreten.
     Beim Aufheben der Gliedmasse verlässt die Ferse zuerst den Boden.
     Im Trabe berührt der Vorderhuf den Boden mit seinem Tragrande nahezu gleichzeitig; in sehr scharfem Trabe berühren die Fersen den Boden einen Moment früher oder doch wenigstens in der Art, dass sie den grössten Teil der Körperlast zuerst auffangen. Die Hinterhufe treten in ähnlicher Weise auf wie im Schritt.
     Im Galopp werden die Hufe des inneren Hinterfusses und des äusseren Vorderhufes nahezu mit dem ganzen Tragrande gleichzeitig auf den Boden gebracht, während der vorgreifende innere Vorderfuss so aufgesetzt wird, dass die Ferse die Körperlast zuerst auffängt. Der äussere Hinterfuss berührt mit der Zehe zuerst den Boden.
     In allen jenen Fällen, in denen die Ferse zuerst belastet wird, fällt das Hauptgewicht zuerst auf die Äste des Hufbeines, auf das Strahlbein und die Hufbeinknorpel. Während sich der Körper über den auf dem Boden feststehenden Huf wegwiegt, überträgt sich die Last dementsprechend mehr auf das Hufbein und zuletzt in dem Momente, in dem der Huf den Boden zu verlassen im Begriffe ist, wird die Zehe mehr belastet als die Ferse. Die Maximalbelastung fällt nicht mit dem Berühren des Erdbodens bei horizontalem Auftreten zusammen, denn in diesem Augenblick ist das Bein nach rückwärts gestreckt. Erst in dem unmittelbar auf das Auftreten folgenden Moment geschehen das Durchtreten und damit die senkrechte Belastung durch das Körpergewicht. Hieraus folgt, dass der Druck der Last zuerst mehr auf die Zehe, während des Durchtretens mehr auf die hintere Hälfte des Hufes und beim Abwickeln der Last schliesslich wieder mehr auf die Zehe fällt.
     Dass der Moment der grössten Belastung stets mehr auf die hintere Huffläche fällt, muss schon aus dem Bau des Hufes geschlossen werden. Der Zehenteil des Hufbeines ist nur durch die dünne Wand-und Sohlenlederhaut von der Hornkapsel getrennt, die hintere Hufhälfte dagegen umschliesst einen komplizierten, höchst elastischen Schutzapparat gegen alle zu starken Prellungen und Stösse.
     Die mechanischen Verrichtungen des Hufes sind natürlich nicht dieselben beim ruhig stehenden und bei dem in Bewegung begriffenen Pferde. In ersterem Falle drückt die Körperlast das Kronbein auf das Huf- und Strahlbein. Da aber das Hufbein durch die Lederhautplättchen auf das innigste mit der Hornwand verbunden ist, so setzt sich dieser Druck auf die Hornwand fort, die nun mit ihren Tragrand stets an den Boden gedrückt wird. Während der Bewegung dagegen tritt das Pferd im Fessel durch und dabei drückt die Kronbeinsehne mit der Hufbeinbeugesehne auf das Strahlkissen. Wenn nun der Hornstrahl gleichzeitig nach oben drückt, wird das Strahlkissen breiter und schiebt seitlich ausweichend die Hufknorpel mit den Fersenwänden nach auswärts. Mit dem Auseinanderweichen der Fersenwände tritt gleichzeitig eine geringe Abflachung des Sohlengewölbes ein. Damit wird auch der nötige Raum für die Hufbeinbewegung geschaffen und Quetschungen mit Blutungen vorgebeugt. Die Erweiterung, die die Hornkapsel hierdurch in der Gegend des Tragrandes erfährt, ist geringer als die Ausdehnung am Kronrande.
     Durch den Druck, den das Kronbein im Abstemmen der Gliedmasse auf das Strahlbein ausübt, werden die Hufbeinbeugesehne und verschiedene Bänder besonders stark angespannt. Sobald aber das Kronbein sich wieder aufrichtet, verschwindet auch der vom Kronbein ausgehende Druck auf das Strahlkissen und es erfolgt von der Zehe aus eine durch den federartigen Bau der Hornwand hervorgerufene Zusammenziehung des Hufes.
     Aus den bisher bekannt gewordenen Forschungen über den Hufmechanismus geht unzweifelhaft hervor:
            dass sich die Hornkapsel in ihrem Fersenteil erweitert;
            dass sich die Sohle im Zusammenhang mit der Fersenerweiterung senkt;
            dass diese Erweiterung am der Krone grösser als am Tragrande ist.
     Die an den Stangenenden liegenden Scheuerrinnen rühren von der Bewegung der Fersenwände her.
     Von grösstem Nutzen ist der Hufmechanismus, weil er
            die während der Bewegung entstehenden Stösse und Erschütterungen mildert,
die Blutzirkulation nach und von dem Hufe begünstigt, dem Pferde das Aufheben der Füsse erleichtert und das Ausgleiten verhindert.
     Für die praktische Ausführung des Hufbeschlages ist die Tatsache, dass der Huf sich in der hinteren Hälfte bei der Belastung erweitert, von grosser Wichtigkeit, denn gerade diese für die Erhaltung der normalen Beschaffenheit des Hufes nicht zu entbehrende Tätigkeit darf durch den Beschlag nicht beeinträchtigt werden.


Quelle:
Wissenswertes über das Pferd
aus
Das Buch vom Pferde
von
Carl Gustav Wrangel
mit freundlicher Genehmigung des Olms-Verlages



 

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