Das nachstehende Werk entspricht unter Umständen nicht mehr dem neuesten Stand von Technik und Wissenschaft. Es soll dem Pferdefreund jedoch einen Blick zurück in die Vergangenheit resp. einen Vergleich der Pferdehaltung sowie des „Pferdehandlings" von früher zu heute geben. Wir als Barhufteam können uns auch nicht vollumfänglich mit allen darin gemachten Aussagen und Techniken identifizieren. Was unsere Grossväter noch wussten...
Das Aeussere des Pferdes
Folianten sind bereits über die äussere Form des Pferdes geschrieben worden. Wie unvollständig und unpraktisch ein hippologisches Handbuch auch sein möge - die Lehre vom "Exterieur" ist sicher in demselben mit grösster Ausführlichkeit behandelt worden. Das Aeussere ist aber auch das Steckenpferd aller Kathederhippologen und zahlreich sind diejenigen, die da glauben mit Beihilfe des Messbandes aus den äusseren Formen zuverlässige Schlusssätze bezüglich des Gebrauchs- und Zuchtwertes eines Pferdes ziehen zu können. Ich bitte, mich nicht der Uebertreibung zu ziehen: der gelehrte französische Tierarzt Bourgelat, dessen "Traié de la conformation extérieur du cheval" noch heute andächtige Bewunderer findet, Vial de Saintbel und viele andere, sowohl ältere als neuere Verfasser, haben mit vollem Ernst versucht, ein Rechenexempel aus dem lebenden Organismus zu machen. Ist aber das Aeussere von den Theoretikern bedeutend überschätzt worden, so hat auch mancher sog. Praktikus demselben eine viel zu geringe Bedeutung beigelegt. Dies gilt ganz besonders von den Engländern. "Handsome is who handsome does" (Schönheit liegt in den Leistungen); "Horses go in all shapes" (die Form ist nichts, der Gang alles) und "An ounce of blood is worth a pound of bone" (eine Unze Blut ist ebensoviel wert als ein Pfund Knochen) sind z.B. in England häufig angewendete Redensarten, die, obwohl ihr tiefer Sinn die grösste Beachtung verdient, mehr als einen Anfänger auf sehr bedenkliche Irrwege geführt haben. Dass fehlerhaft gebaute Pferde mitunter eine viel grössere Leistungsfähigkeit, als den Idealen der Theoretiker entsprechende Tiere, an den Tag gelegt haben, ist allerdings auch ausser Englands Grenzen kein Geheimnis für den Fachmann, nur lehrt die Praxis, dass solche Widersprüche mehr scheinbar als wirklich sind. Die Ueberlegenheit des fehlerhaft gebauten Pferdes hat nämlich in den meisten Fällen ihre natürliche Erklärung darin, dass dieses von der Natur mit ganz ausserordentlichen inneren und äusseren Eigenschaften ausgerüstet worden ist, welche die Mängel in seinem Körperbau mehr wie aufwiegen. Und was mustergültig gebaute, aber schlaffe Tiere betrifft, fehlen denselben aller Wahrscheinlichkeit nach das nötige Quantum "Dampf", ohne welchen der ausgezeichnete Mechanismus nicht auf eine höheren Anforderungen entsprechende Art in Gang erhalten werden kann. Dies sind wichtige Faktoren, die bei der Beurteilung von Pferden auch von in anderen Richtungen recht klugen und kenntnisreichen Leuten übersehen werden. So äusserte einmal ein grosser Mechaniker zu einem Pferde züchtenden Freunde, dass er, wenn er sich nur die Mühe geben wollte, den Mechanismus des Pferdekörpers zu studieren, imstande sein würde, auf jeder Bahn im Voraus die Sieger in allen Rennen zu nennen. Sein Freund antwortete ihm: "Wenn dass der Fall ist, so eile nach England und kehre zurück als Millionär." - Der Mechaniker war ein gelehrter Mann. Der tote Mechanismus hatte keine Geheimnisse vor ihm; eines hatte der Gute aber dennoch vergessen - und das war der Dampf! Das erste, was ich in diesem Kapitel dem Leser ans Herz legen möchte, wäre deshalb, dass Aeussere nur als eine Voraussetzung zu betrachten, deren Bestätigung durch die Leistung erbracht werden muss. Da möglicherweise der eine oder der andere meiner Leser aus dieser Einleitung den Schluss ziehen könnte, dass mir das Aeussere des Pferdes so ziemlich gleichgültig sei, will ich, bevor ich weiter gehe, ausdrücklich betonen, dass das Kennzeichnende meiner Stellung zu den hier angeregten Streitfragen nicht Gleichgültigkeit für die äussere Form, sondern die feste Ueberzeugung ist, dass der Wert des Pferdes - die Körperkonstitution nicht eingerechnet - von drei Faktoren abhängig ist, nämlich, von guten Leistungen, guter Abstammung und gutem Aeusseren. In vorliegendem Kapitel wird hauptsächlich von den Körperformen die Rede sein. Es ist mir also reichliche Gelegenheit geboten, meinen Standpunkt zu der von vielen hippologischen Professoren als allein seligmachend gepriesenen Lehre vom Aeusseren klarzustellen. Ich gestehe, dass ich diese Aufgabe zu den angenehmsten zähle, die mir als Verfasser des "Buches vom Pferde" zuteil geworden. Angenehm ist aber nicht immer gleichbedeutend mit leicht. Worin das Vergnügen liegt, braucht kaum erwähnt zu werden, denn wer wüsste nicht, dass es für jeden in praktischer Tätigkeit gereisten Pferdefreund ein Genuss sein muss, den Wert des guten Pferdes in Wort und Bild schildern zu dürfen. Die Schwierigkeit aber liegt darin, diese Schilderung so zu gestalten, dass sie nicht nur genussreich für den Verfasser, sondern auch nutzbringend für den Leser werde. Möge es mir nun nicht als Anmassung oder Tadelsucht ausgelegt werden, wenn ich erkläre, dass ich, obgleich ich ungefähr alles gelesen habe, was während der letzten Jahrzehnte den wertvolleren Erzeugnissen der hippologischen Literatur in Deutschland, Oesterreich, Frankreich, England, Amerika und im skandinavischen Norden zugezählt worden ist, bisher noch keine, in jeder Hinsicht befriedigende Anleitung zur Beurteilung von Pferden zu Gesicht bekommen. Es wird das niemand überraschen, der hippologisch Studien betrieben hat. Zur Erwerbung einer vollständigen Pferdekenntnis gehört leider ausser angeborenen Anlagen noch verschiedenes, was die Bücher nicht bieten können und dies ist's eben, was unseren fruchtbarsten hippologischen Schriftstellern, den Tierärzten, abzugehen pflegt. Ein Vorwurf ist genannten Herren daraus nicht zu machen, denn einerseits stellt die Tierarzneikunde gar hohe Ansprüche an ihre Jünger und andererseits reicht kaum ein Menschenleben dazu hin, um auch die Züchter, praktischer Pferdekenner, Reiter und Fahrer das ganze Gebiet der Hippologie zu erforschen. Die Vollblutzucht allein ist z.B. ein Fach, das Stoff zu anstrengenden Studien während eines ganzen Daseins bieten kann. Ich habe auch während meiner Streifzüge nur einen einzigen Tierarzt kennen gelernt, der nicht nur als Veterinär, sondern auch als "Pferdefachmann" hervorragendes geleistet. Dieser Eine war Mr. Field jun., Oxford Street, London, und der brach vor Jahren das Genick auf einer Parforcejagd. An Kathederhippologen hat die Welt dagegen nie Mangel gelitten. Was schliesslich die sog. praktischen Pferdsleute betrifft, sind dieselben nur ausnahmsweise im Besitze jener theoretischen Fachkenntnisse und allgemeinen Bildung, die nicht nur das geschriebene Wort geniessbar machen, sondern - was noch wichtiger ist - der praktischen Erfahrung Harmonie und Anschaulichkeit verleihen. Mein Ideal eines hippologischen Verfassers wäre deshalb eine Persönlichkeit, die sich als Tierarzt, Schriftsteller, Züchter, Reiter und Fahrer des Pferdes mit den Besten ihrer Zeit messen könnte. Ich bin mir also der Schwierigkeit meiner Aufgabe sehr wohl bewusst. Wenn ich es trotzdem unternehme, dieselbe nach besten Kräften zu lösen, so hat dies keineswegs seinen Grund darin, dass ich mir besondere Fähigkeiten zutraue. Was ich mir aber nicht nehmen lasse, ist, dass ich während einer langjährigen Tätigkeit als hippologischer Lehrer in die Lage gekommen bin, zu beurteilen, was dem Anfänger vor allem not tut. Dies ist ja immerhin etwas. Und nun zu Sache. Der grösste Fehler, den sich unsere hippologischen Professoren zuschulden kommen lassen, ist meiner Ansicht nach, dass sie sich ein Normalpferd zusammenkonstruieren, dessen Formen sie dann mit einer ans Komische grenzenden Genauigkeit beschreiben. Man braucht aber keine grosse Erfahrung im Sattel oder auf dem Bock erworben zu haben, um zu wissen, dass dieses Normalpferd ein Phantasiegebilde ist. Und das kann als ein wahres Glück betrachtet werden, denn verschiedene Gebrauchszwecke fordern und erzeugen verschiedenartige Körperformen. Weshalb der nach Pferdekenntnis dürstende Anfänger sich nicht von einer Schilderung befriedigt fühlen kann, die darauf ausgeht, alle Pferdetypen in eine und dieselbe Form zu giessen, ist demnach leicht zu erklären. Bougelats "Musterpferd" war z.B. ein wahres Untier, das kein noch so geriebener Rosskamm an den Mann gebracht hätte.
Die äusseren Teile des Pferdes
1. Der Vorkopf 23. Die Kehle 2. Die Stirne 24. Rinne in welcher die Hals- 3. Der Haarschopf ader liegt, an der man ge- 4. Das Genick wöhnlich zur Ader lässt 5. Die Ohren 25. Der Kamm 6. Die Schläfe 26. Die Mähne 7. Die Augengruben 27. Der Widerrist 8. Die Augenbogen 28. Die Brust 9. Die Augen 29. Die Bugspitze 10. Der Nasenrücken 30. Die Schulter 11. Die Nase 31. Der Oberarm oder Bug 12. Die Nasenlöcher 32. Der Ellbogen 13. Das Maul 33. Der Unterarm 14. Die Oberlippe 34. Die Kastanie 15. die Unterlippe 35. Das Knie 16. Das Kinn 36. Das Schienbein 17. Die Backen 37.Die Köte 18. Die Wangen 38. Die Fessel 19. Die Kinnkettengrube 39. Die Haarzotte 20. Der Kehlgang 40. Die Krone 21. Stelle der Ohrspeicheldrüse 41. Der Huf 22. Der Hals 42. Der Ballen
43. Der Rücken 44. Die Lenden 45. Das Kreuz 46. Der Schweif 47. Die Rippen 48. Die Sporader 49. Der Bauch 50. Die Weichen od. Flanken 51. Die Hüften 52. Die Hinterbacke 53. Die Oberschenkel 54. Der Unterschenkel 55. Die Kniescheibe 56. Das Sprunggelenk 57. Die Achillessehne 58. Der Winkel des Sprunggelenks 59. Der Hodensack beim Hengst 60. Der Schlauch beim Hengst und Wallach 61. Der After
Wollen wir zur richtigen Auffassung der für das Pferd wünschenswerten Körperformen gelangen, müssen wir also andere Wege betreten. Aus diesem Grunde finde ich mich veranlasst, meine Beschreibung der drei Haupttypen - des Reit-, Wagen- und Arbeitspferdes - damit einzuleiten, dass ich den Leser auf einige Linien aufmerksam mache, die mehr oder weniger rein und vollkommen bei allen Pferden hervorragender Klasse, gleichviel welchen Typus dieselben angehören, vorgefunden werden.
Das in ein Quadrat eingepasste Pferd misst weit mehr in der Länge als in der Höhe. Die Linien 1,2,3,4 sind gleich lang - die Totallänge CD zeigt ein harmonisches Verhältnis zwischen der Vorderhand ED und der Hinterhand CE, das Längenmass der Schulterlinie NO reicht bis weit unter das Knie - die Längenmasse der Schulter und des Unterarms KL übersteigen zusammengerechnet die Länge der Extremitäten (LM) - der Oberarm 6 und das grosse Oberschenkelbein 5 haben die rechte Neigung - das Pferd ist jedoch etwas hochbeinig - die wünschenswerte Höhe ist durch die Linie 8-9 bezeichnet.
Ich meine, diejenigen, welchen das Knochengerüst des Pferdes die richtige Länge, Höhe und Breite zu verdanken hat oder mit anderen Worten die Proportionen, welche die mechanische Grundlage der Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer des Pferdes bilden. Inwiefern ein solches Pferd in grossen Linien (der Franzose sagt "cheval à grandes lignes" auch wirklich schnell, stark und ausdauernd sein wird, hängt natürlich ebenso wie die Intensität dieser Eigenschaften von der ererbten oder als persönliche Gabe angeborenen "Dampfkraft" ab; aber gerade weil diese Dampfkraft nicht mit den Augen gemessen werden kann, ist es doppelt wichtig für uns, die mechanische Grundlage richtig beurteilen zu lernen. Mit Bezug hierauf erteilt F. von Chelchowski, Weiland Gestüts- und Marstalldirektor in Antoniny, Russland, in seiner vortrefflichen Schrift: "Ueber die Grundzüge für die Beurteilung des Pferdes auf Leistungsfähigkeit" folgende, nicht genug zu beherzigenden Ratschläge: a) Die Beurteilung der Pferde hat vor allem und stets nach rein mechanischen und streng wissenschaftlichen Prinzipien und stets in bezug auf bestimmte Leistungen, nicht nach etwaigen, gegenwärtig noch gebräuchlichen, willkürlichen, ästhetischen Vorstellungen zu geschehen. b) Die Beurteilung der Pferde in bezug auf Ihre Leistungsfähigkeit soll unter Zugrundlegung ihrer Körperformen und Körperverhältnisse im Allgemeinen "als Ganzes" stets der üblichen und so beliebten Zerstückelung des Pferdekörpers vorangestellt und jeder Körperteil hinsichtlich seiner Dimension. Lagerung und Form nicht an und für sich, sondern mit dem gesamten Körper verglichen und mit Berücksichtigung der speziellen Bestimmung des Tieres analysiert und beurteilt werden. c) Die Beurteilung mancher Pferderassen oder -Schläge (z.B. des Vollbluts) soll erst nach abgelegten Leistungsproben und nicht in erster Linie nach ihrem Aeusseren gepflegt werden. Was nun zuerst die Länge des Knochengerüstes betrifft, so soll nach der Theorie das Mass von der Bugspitze bis zu äussersten Punkt der Hinterhand grösser sein, als das Mass vom höchsten Punkte des Widerristes bis zum Boden. Ohne diese Länge, die unter normalen Verhältnissen durch die Tiefe des Brustkorbes und die Länge der Kruppe gebildet wird, werden die Gänge wenig raumgreifend, mit derselben steht das Pferd über viel Boden, was, vorausgesetzt, dass der Körper im übrigen richtige Proportionen hat, eine schätzenswerte Eigenschaft sein muss, denn ein Pferd, das über viel Boden steht, geht auch mit jedem Schritt über viel Boden. Einen ausgezeichneten Massstab für die Beurteilung der Länge des Pferdekörpers bietet uns die Schulter. Bildet dieselbe mit dem Oberarme einen Winkel von ungefähr 90°, so ist sie genügend lang und stimmt das von der Hüftspitze bis zu äussersten Punkte der Hinterhand genommenen Masse überein, so hat der Pferdekörper die richtige Länge (Fig. 723). Auch der Hals ist im Besitz der richtigen Proportionen, falls er dieselbe Länge wie die Schulter aufweist. Hieraus ergibt sich, dass es von grösster Wichtigkeit sein muss, Klarheit bezüglich des Begriffes "kurze" und "lange" Schulter zu gewinnen. Der frühere Professor an der französischen Gestütsschule zu Le Pin, Herbin, dem das Verdienst gebührt, zuerst die Schulter als Massstab bei der Beurteilung der Proportionen des Pferdekörpers aufgestellt zu haben, teilt in seinem ausgezeichneten Werke "Etudes hippiques" mit, dass er bei allen Pferden "à grandes lignes", die er gemessen, gefunden, dass das in richtiger Winkelung stehende Schulterblatt dasselbe Mass hat wie: 1. Die Länge des Mittelstücks von der Mitte der Schulterlinie bis zur Hüftspitze (Fig. 723, Linie 2), 2. Die Länge von der Hüftspitze bis zu äussersten Punkte der Hinterhand (Fig. 723, Linie 3), 3. Die Länge des Halses (Fig. 723, Linie 4). Professor Herbin hat ausserdem durch zahlreiche Messungen konstatiert, dass genanntes Längenmass in vertikaler Richtung auf eine von der Bugspitze ausgehende Linie übertragen, bei einem Pferde mit guten Schultern bedeutend tiefer als das Knie (Fig. 723), bei Pferden mit kurzen Schultern aber nur bis zum Knie reicht. Auf Grund verschiedener Messungen, die ich an anerkannt guten Pferden vorgenommen, bin ich in der Lage, die Richtigkeit der Methode des Professors Herbin zu bestätigen. Soll aber die Schulter als vergleichender Massstab bei der Beurteilung der Proportionen des Pferdekörpers benützt werden, so muss dieselbe natürlich nicht nur die entsprechende Länge, sondern auch die rechte Neigung zeigen. Das Mass der Schulter ist somit stets an der Stelle zu nehmen, die sie nach der Theorie einnehmen sollte. Wir dies übersehen, so kann es leicht geschehen, dass man mit dem Masse einer langen, aber steilen Schulter den Körper zu lang findet, obgleich derselbe die richtige Länge hat oder auch, dass man nichts an dem Längenmass des Rumpfes auszusetzen findet, obgleich dasselbe faktisch zu kurz ist. Die kurze Schulter taugt ebenfalls nicht zum Massstab. Hat man es mit einer solchen zu tun, so muss man behufs Erlangung eines richtigen Masstabes die ganze Länge von der höchsten Spitze des Widerristes bis zur Bugspitze und von der Bugspitze bis unterhalb des Knies messen; die Hälfte des so erhaltenen Masses gibt die richtige Länge für das Schulterblatt an. Fig. 724 zeigt ein Pferd mit einer zu kurzen Schulter A B. Die Linie B C, die sich knapp bis zum Knie streckt, liefert den Beweis, dass die Schulter wirklich zu kurz ist. Mit Beihilfe des Masses A D sind wir jedoch imstande, zu bestimmen, welche Lage die Bugspitze E bei richtiger Länge der Schulter einnehmen würde. Damit haben wir uns auch einen korrekten Ausganspunkt für unsere vergleichenden Messungen gesichert. Was das Höhenmass betrifft, so habe ich bereits hervorgehoben, dass das Mass von dem höchsten Punkte des Widerristes bis zum Boden kleiner, als das Mass von der Bugspitze bis zum äussersten Punkte der Hinterhand sein soll. Es ist aber auch von Wichtigkeit, sich ein zutreffendes Urteil über die Tiefe des Brustkorbs bilden zu können, und ich will deshalb mit Hinblick auf dieses wichtige Mass erwähnen, dass die Länge von dem höchsten Punkte am Widerrist bis zum Niveau des Brustbeines nahezu dem Masse von letztgenanntem Punkte bis zum Boden gleichkommen muss, wenn das Pferd tief und kurzbeinig genannt zu werden verdient.
Zu kurze Schulter
Weshalb man wünscht, dass das Pferd, gleichviel welchem Typus es angehört, tief und kurzbeinig sei, liegt auf der Hand. In dem tiefen Brustkorb ist Raum für kräftige Atmungsorgane, die kurzen Beine aber haben auch kurze Schienen und starke Sehnen und vermehren ausserdem die schiebende Kraft der Hinterhand. Es ist also nicht das Schönheitsgefühl allein, das vorstehendem Wunsche zugrunde liegt. Wir kommen nun zu der Breite. Dieses Mass muss selbstverständlich mit den verschiedenen Pferdetypen wechseln. Das Vollblutpferd zum Beispiel wird, besonders was das Vorderteil betrifft, mehr tief als breit sein und es ist eine unbestrittene Tatsache, dass die besten "Steher" (Pferde für grosse Distanzen) auf Rennbahnen sehr schmal zwischen den Vorderbeinen waren, alle aber eine staunenswerte Tiefe und auch eine gute Breite in der Kruppe hatten. Als eine speziell beim Ankauf von Rennpferden beachtenswerte Regel würde ich deshalb empfehlen: "breit hinten und tief, wenn auch schmal vorn." Das Reitpferd kann kaum eine zu breite Kuppe haben. Und dass diese Breite, vorausgesetzt, dass dieselbe mit der Länge des Rumpfes und der Stellung, sowie der Stärke der Extremitäten übereinstimmt, keineswegs ideale Schönheit ausschliesst, wird jeder bezeugen können, der in der Lage gewesen, eine grössere Anzahl Jagdpferde zu mustern. Grosse Breite in der Vorderhand ist auch beim Reitpferd nie wünschenswert, obgleich Pferde dieser Kategorie natürlich vorne breiter sein dürfen als Rennpferde. Das Wagenpferd soll dagegen eine breite Brust und ausserdem eine seiner Grösse entsprechenden Schwere besitzen. Dasselbe gilt in noch höherem Masse von Arbeitspferden; aber je mehr letzteres einer schweren - bedeutend schwereren - Auflage des Wagenpferdes gleicht, desto mehr nähert es sich auch dem Ideale seines Typus.
Eine entscheidende Bedeutung für die richtige Zusammenstellung des Mechanismus und infolgedessen auch für die Brauchbarkeit des Pferdes, insofern dieselbe von den Körperformen abhängt, haben schliesslich auch die Länge und Winkelung des Schulter- und Hüftgelenkes. Der französische Schriftsteller General Morris stellte die Regel auf, dass genannte Körperteile lang sein und eine Neigung von 45° gegen die Vertikale haben sollen. Gegen diese Theorie ist wenig einzuwenden, denn es kann nicht bezweifelt werden, dass eine solche Winkelbildung der Schnelligkeit förderlich ist. Dies hat seinen Grund darin, dass die durch die schräge Stellung der Gelenke gebildeten Winkel sich leichter öffnen, wodurch wieder die Extremitäten besseren Raum für ihre Bewegungen gewinnen. Dass diese Bewegungen desto kräftiger sein werden, je mehr sie durch gut entwickelte Muskelbündel unterstützt werde, ist selbstverständlich. Wie wünschenswert es aber auch sein möge, dass die hier erwähnten Gelenkteile im Vorder- und Hinterteil dieselbe Winkelstellung haben und parallel zueinander stehen, lassen sich noch nicht selten auch bei ausgezeichneten Pferden grosse Verschiedenheiten hierin wahrnehmen. Diese Winkelung kann zum Beispiel sehr ungleich im Vorder- und Hinterteil sein, ohne dass die Bewegung der Extremitäten dadurch behindert wird.
In diesem Falle müssen aber die Winkel trotz ihrer Ungleichheit unbedingt günstig für die Bewegung sein und das Pferd in anderer Richtung Eigenschaften besitzen, welche den hier angedeuteten Mangel in der Harmonie der Körperformen ausgleichen. Die einfachen Abbildungen in den Fig. 725 bis 731 werden dem Leser die Bedeutung einer guten Winkelstellung der Schulter- und Hüftgelenkteile vor Augen führen. Wenn z.B. das Schultergelenk wie in der Fig. 725 einen Winkel von 90° mit dem Oberarme bildet, wird die Biegung des Gelenkes nach vorne und rückwärts in so hohem Grade erleichtert, dass sowohl der Arm wie das ganze Bein, der Richtung der Schulter folgend, sich möglichst weit vorwärts strecken können. Hat dagegen die Schulter wie in Fig. 726 eine steife Stellung, so wird die Biegung sehr erschwert und kann dann Schnelligkeit nur durch eine sehr beschleunigte und anstrengende Tätigkeit der Muskeln ermöglichet werden. Ebenso verhält es sich mit dem Hüftgelenke. Haben das Hüftbein und das Oberschenkelbein (siehe die Linien A D und D B in Fig. 727) eine Neigung von 45° gegen die Vertikale, so befindet sich der Mittelpunkt des Halbkreises, der sie bald miteinander vereinigt, auf der horizontalen, und da nun die vortreibende Kraft notwendig auf eben genannten Punkt des Halbkreises einwirken muss, so ist es offenbar, dass diese Kraft im vorliegenden Falle in horizontaler Richtung wirkt, was wiederum zur Folge hat, dass die Kraftäusserung unter den günstigsten Bedingungen und ohne irgend welchen Verlust nach vorwärts konzentriert werden kann. Wenn dagegen die in Rede stehenden Knochen nicht eine Neigung von 45° gegen die Vertikale haben (Fig. 728), sondern das Hüftbein sich der Horizontalen nähert, so kommt der Mittelpunkt des Halbkreises (C) auf eine abschüssige Linie zu liegen; die Kraftäusserung erhält dann natürlicherweise dieselbe Richtung und wird desto mehr behindert, je abschüssiger letztere ist. Die notwendige Folge hiervon aber ist, dass die Vorderbeine den Hinterbeinen schleuniger Unterstützung gewähren müssen und dass auch mit einer noch so vorteilhaften Gestaltung der Vorderhand nur mässige Bewegungsresultate erzielt werden können.
In Fig. 729 sind die Grundlinien eines g u t angelegten Pferdes nach Professor Herbins Theorie dargestellt. Mit Hilfe dieser wenigen, einfachen Linien dürfte es dem Leser nicht schwer fallen, seinem Gedächtnisse die Grundformen einzuprägen, die in allen Rassen und Schlägen das ideale Pferd kennzeichnen. Leider sind ideale Pferde ebenso selten, wie ideale Menschen. Wollten wir aber jedes Pferd verwerfen, das in irgendeiner Hinsicht nicht dem Bilde entspricht, welches wir für den betreffenden Typus aufgestellt, so würden wir wohl auf Schusters Rappen angewiesen bleiben. Etwas müssen wir also immer auch den Prachtexemplaren des Pferdegeschlechtes nachsehen. Es gilt nur stets genau zu wissen, ob und in welchem Masse dieses "Etwas" die Brauchbarkeit des Pferdes für unsere Zwecke vermindert und weiter, ob nicht etwa jener unzweifelhafte Mangel oder Fehler durch ebenso entschiedene Vorzüge ausgeglichen wird. In dieser klaren Auffassung, in diesem wohl durchdachten Abwägen der Vorzüge und Mängel, nicht in einem sterilen Fehlersuchen, liegt die beneidenswerte und schwer zu erlernende Kunst des Kenners, ja, zweifelsohne schwer zu erlernende Kunst, denn die meisten Sterblichen können es auch mit grösstem Fleiss und Eifer nie zu etwas Rechtem in derselben bringen. Das sog. "Pferdsauge" muss eben geradeso wie das musikalische Ohr angeboren sein. Mit Fleiss und Ausdauer kann allerdings sowohl das Auge als das Ohr verschärft, geübt werden, die angeborenen Anlagen aber lassen sich doch nie und nimmer schätzen. Dies darf den Anfänger indessen nicht davon abschrecken, jede Gelegenheit zur Schärfung seines Auges zu benützen. Es gibt keinen noch so elenden "Krampen", an dem sich nicht etwas lernen liesse; überhaupt kann man auch mit den besten Anlagen, erst nachdem man hunderte von "Krampen" und hundert Pferde guter Rasse gemustert hat, Sicherheit und Selbständigkeit in der Beurteilung von Pferden erlangen. Solche Uebung wird jedoch nur dann zu dem gewünschten Resultat führen, wenn der Betreffende in die Lage kommt, Pferde der verschiedenartigsten Schläge zu mustern, denn eine Remonte oder ein Arbeitspferd richtig beurteilen zu können und imstande zu sein, auch ein fachgemässes Urteil über ein in Training-Kondition befindliches Rennpferd abzugeben, sind zwei grundverschiedene Aufgaben. Pferdekenner im wahrsten Sinne des Wortes ist aber nur der, der jeden Pferdetypus, vom Vollblutpferd bis zum rheinisch-deutschen Kaltblüter herab, das Fohlen wie das volljährige Pferd, nach seinem vollen Wert abschätzen kann. Solche Pferdekenner gehören jedoch in aller Herren Länder zu den grössten Seltenheiten. Nach dieser kleinen Abschweifung kehre ich wieder zu der Notwendigkeit zurück, nach Ersatz für die bei jedem Pferde hervortretenden Mängel zu suchen. Was z.B. die fehlerhaften Längenmasse betrifft, so kann ein zu langer Rumpf Ersatz für eine steile Schulter bieten, wenn nur der Brustkorb tief ist und die Extremitäten keinen Anlass zu Tadel geben. Sollte dagegen die steile Schulter an einem zu kurzen Rumpfe sitzen, müssen die Gänge sowohl in der Vorder- als Hinterhand so kurz werden, dass die Brauchbarkeit des Pferdes darunter leidet. Ein zu langer Rücken - vorausgesetzt, dass die Abweichung von der normalen Länge nicht gar zu bedeutend ist - braucht ebenfalls nicht die Tauglichkeit des Pferdes zu Zucht- und Gebrauchszwecken zu behindern. Ist nämlich ein solcher Rücken breit und muskulös, haben die hintersten Rippen eine gute Länge, besitzt das Pferd überhaupt ein solides Knochengerüst, zeigen die Schulter- und Hüftgelenksteile die rechte Länge und Winkelung, so wird das Tier voraussichtlich trotz seines langen Rückens gute Dienste leisten.
Dass eine "abgeschlagene" Kruppe zu einer schwachen Nierenpartie passt, wohingegen das horizontale Kreuz die Schwäche eines solchen Rückens nur noch vermehrt, verdient ebenfalls hervorgehoben zu werden. Zu den Höhenmass übergehend, setze ich als bekannt voraus, dass ein Pferd, dessen Hochbeinigkeit ihren Grund in mangelnder Tiefe und zu langen Beinen hat, zu welchen Fehlern sich möglicherweise noch zu kurze und zu steile Schultern und Hüftgelenksteile gesellen, für die Zucht gar keinen und für Gebrauchszwecke nur einen sehr geringen Wert besitzt. Der einzige Ersatz für Hochbeinigkeit liegt in einer hervorragend guten Länge und Winkelung der Schulter und Hüftgelenksknochen. Ein "überbautes" Pferd, d.h. ein solches, das vorne niedriger als hinten ist (Fig. 730), muss mangelndes Gleichgewicht und dadurch hervorgerufene Unsicherheit der Bewegung an den Tag legen. Die Bedenklichkeit dieses Fehlers wird jedoch bedeutend gemildert, wenn die Schulter eine ungewöhnlich gute Lage hat und die vortreibende Kraft dank der günstigen Winkel der Hüftgelenkteile auf die Horizontale einwirkt (Fig. 727). Sollte dagegen das überbaute Pferd auch zu kurz sein und die Schulter obendrein eine steile Lage haben (Fig. 731), so werden sich die Nachteile des in Rede stehenden Fehlers mit umso grösserer Schärfe bemerkbar machen.
Nicht selten stösst man auch auf Pferde, die hinten zu niedrig sind (Fig. 732). Diese Abweichung von dem normalen Körperbau stört das Gleichgewicht, indem sie die vortreibende Kraft der Hinterhand durch das Gewicht der Vorderhand paralysiert. Ersatz hierfür muss in einer schrägen, die Vorderhand entlastenden Schulter, in einem kräftigen Rücken, breiter Kruppe und guten, normal gestellten Beinen gesucht werden.
Bezüglich des für mangelnde Breite im Bereiche der Möglichkeit liegenden Ersatzes, ist zu erwähnen, dass ausgezeichnete Schultern und starke, kurze Beine die Nachteile eines schmalen und spitzigen Hinterteiles einigermassen aufheben, denn in dem Vorhandensein dieser Vorzüge liegt eine Garantie dafür, dass die vortreibende Kraft der Hinterhand gut ausgenützt werden wird. Mangelnde Breite in der Vorderhand hat im Ganzen genommen weniger zu bedeuten. Bedenklich wird dieselbe nur, wenn die Schulter kurz und steil sein sollte. In diesem Falle ist sogar eine weniger kräftige Hinterhand von Vorteil; denn mit der harmonischen Mittelmässigkeit kann das Gleichgewicht besser bewahrt werden, als mit scharfen Gegensätzen der Vorder- und Hinterhand. Dass geringe Breite zwischen den Vorderbeinen beim Rennpferde eher als ein Vorzug betrachtet wird, wenn nur der Brustkorb tief und das Hinterteil kräftig entwickelt ist, habe ich bereits hervorgehoben. Nach dieser Einleitung, die, wie ich hoffe, dem Leser eine einigermassen deutliche Vorstellung derjenigen Hauptpunkte gegeben haben wird, die bei der Musterung von Pferden jeder Kategorie dem Urteile des Fachmannes zugrunde gelegt werden, halte ich es für das Zweckmässigste, zu einer alle Körperteile umfassenden Beschreibung der drei Typen - Reit-, Wagen- und Arbeitspferde - überzugehen. Der grösseren Deutlichkeit wegen habe ich jede dieser drei Abteilungen mit einer Abbildung versehen, die, obwohl nicht dem Reiche der Ideale entnommen, geeignet ist, das Auge des Anfängers an die richtigen, charakteristischen Formen zu gewöhnen. Wir beginnen mit dem Reitpferde und betrachten zuerst dessen Kopf. Niemand wird bestreiten, dass ein edler Kopf eine Zierde für das Pferd ist. Es handelt sich nur darum, festzustellen, was eigentlich unter dieser Bezeichnung zu verstehen ist. Die grosse Mehrzahl, unsere Damen an der Spitze, schwärmt für ein kleines Köpfchen am Pferde. Wahrscheinlich würde auch ich der Ansicht huldigen, dass ein grosser Kopf als ein Schönheitsfehler zu betrachten sei, wenn mir nicht eine langjährige Praxis die Ueberzeugung beigebracht hätte, dass es seine Bedenken hat, sich für sog. "hübsche" Pferde zu begeistern. Da ich aber nun bereits seit 40 Jahren vom Pferde selbst darüber belehrt worden bin, dass die Schönheit beim Pferde nur in für den Gebrauch wünschenswerten und notwendigen Formen liegt, ist es mir auch absolut unmöglich, einen kleinen Kopf denjenigen Eigenschaften zuzuzählen, die bei der Beurteilung eines Pferdes schwer in die Waagschale fallen. Im Gegenteil, ich habe sogar im Laufe der Jahre eine gewisse Vorliebe für grosse Köpfe bekommen. Dies hat einesteils seinen Grund darin, dass die meisten leistungsfähigen Pferde, die ich geritten oder gefahren, von der Natur mit Köpfen ausgerüstet waren, die vom Standpunkte des Laien aus gesehen, keineswegs "klein" genannt werden konnten: es sei nur an die enorm leistungsfähigen grossen und kleinen "Nonius" in Ungarn erinnert. Andernteils ist es eine alte Erfahrung, dass Pferde mit kleinen Köpfen gewöhnlich ein wenig liebenswürdiges Temperament an den Tag legen. Dass ein kleiner Kopf unmöglich grossen Einfluss auf die Brauchbarkeit des Pferdes ausüben kann, geht auch daraus hervor, dass eine bedeutende Anzahl vorzüglicher Vollblutpferde mit imposanten Schädeln ausgerüstet war. Ich nenne hier nur "Eclipse". Dagegen pflegen die Köpfe vieler edler Pferde eine andere bestimmte Eigentümlichkeit aufzuweisen und zwar die, dass die Nase so fein und spitz ist, dass das Tier aus einer Teetasse trinken könnte. Eine dicke, plump geformte Nase verleiht deshalb auch in meinen Augen einem jeden Pferde ein gemeines Gesicht. Die oft gehörte Einwendung, dass die grossen Köpfe wie schwerer Ballast auf der Hand des Reiters oder Fahrers liegen, verdient keine Beachtung, denn die Eigenschaft des Pferdes, den Kopf zur Zufriedenheit des Reiters oder Fahrers zu tragen, beruht darauf, dass die Verbindung des Kopfes mit dem Genick tadellos, der Hals eine gute Form hat und das Maul weich genannt werden kann. Ist das Tier im Besitz dieser Vorzüge, so wird es den Kopf, auch wenn derselbe "so gross wie eine Bassgeige" sein sollte, gut tragen, wogegen ein mit einem allerliebsten Miniaturköpfchen ausgerüstetes Pferd, dessen Maul und Genick obiger Anforderung nicht entsprechen, schwer auf die Hand gehen muss.
Was die Stirne betrifft, sehe ich gerne, dass dieselbe breit und besonders zwischen den Augen etwas gewölbt ist. Diese Bildung ist nämlich beinahe immer ein Zeichen von Intelligenz und Gutmütigkeit, wohingegen Pferde mit schmaler, platter Stirne meistens dumme, heimtückische Gesellen sind. Ob die Ohren gross oder klein sind, dürfte dagegen ziemlich gleichgültig sein. Von Wichtigkeit ist nur, dass das Ohrenspiel mit dem der Augen übereinstimmt und, vom ästhetischen Standpunkte aus gesehen, dass die Ohren nicht schlaff zu beiden Seiten des Kopfes herunterhängen. Ich will indessen nicht verschweigen, dass ich ausgezeichnete Pferde gekannt, die solche Ohren gehabt haben. Wenn ich schliesslich noch hinzufüge, dass feine dünne Ohren als Zeichen edler Abkunft gelten, glaube ich alles erwähnt zu haben, was über diesen Körperteil zu sagen ist. Die Grösse der Nasenlöcher bietet einen guten Massstab für die Beurteilung des Atems der Pferde. Es kann allerdings vorkommen, dass ein Pferd mit engen Nasenlöchern sich eines vorzüglichen Atems erfreut, denn auch die kleinsten Nasenlöcher sind immer noch weiter als der Kehlkopf; unter gewöhnlichen Verhältnissen werden aber weite Nüstern ohne Falten als ein günstiges Anzeichen zu betrachten sein. Das Auge soll gross und klar sein und im Ausdruck an den milden schönen Blick des Rehes erinnern. Dies ist aber nur dann möglich, wenn nicht zu viel von dem Weissen im Auge sichtbar ist. Jeder Fachmann wird nämlich die Erfahrung gemacht haben, dass die entgegengesetzte Eigenschaft als ein nahezu untrügliches Zeichen eines hinterlistigen, unbändigen Temperaments anzusehen ist. Kleine Augen deuten ebenfalls auf unangenehme Charaktereigenschaften hin, auch werden dieselben öfter als grosse von Krankheiten heimgesucht. Jener französische Hippologe hat Recht, der die Behauptung aufgestellt hat, dass an dem oberen Augenlide böser Pferde beinahe immer eine ausgesprochene Falte mit einer Vertiefung oberhalb derselben beobachtet werden kann. Glücklicherweise trügt nie der Gesichtsausdruck des Pferdes. Wer nicht mit Blindheit geschlagen ist, wir also dem Bösewicht des Pferdegeschlechtes aus dem Wege gehen können. Der Kehlgang kann kaum zu weit sein; selbst wenn in demselben Platz für eine Weinflasche sein sollte, könnte dies dem Pferde das Kauen und Atmen nur erleichtern. Ein enger Kehlgang gibt dagegen oft Anlass zu Kehlleiden und man hört oft die Ansicht, dass Pferde, die mit diesem Fehler behaftet sind, leichter als andere, Roarer oder Kehlkopfpfeifer werden. Und da nun ausserdem ein enger Kehlgang jene korrekte Kopfhaltung erschwert, die wir vom Reitpferde verlangen, ist derselbe unzweifelhaft als positiver Fehler zu bezeichnen. Dasselbe gilt vom Rahmen des Kehlganges, den sog. Ganaschen, die, wenn sie zu breit und schwer sind, beim Beizäumen einen schmerzhaften Druck auf die Ohrspeicheldrüsen ausüben. Der Hals kann nach der Ansicht mancher Pferdefreunde kaum zu lang und dünn sein. Wer mit seinem Gaule Eindruck auf die gedankenlose, gaffende Menge machen will, findet deshalb in jeder Spielwarenhandlung unter den daselbst ausgestellten Schaukelpferden prächtige Modelle für die populäre Halsform. Wer aber die Ansicht erfahrener Reiter über diese Frage einholt, wird sicherlich zur Antwort erhalten, dass dieselben wohl eine ganze Anzahl ausgezeichneter Pferde mit kurzen Hälsen gekannt, aber weit entfernt, etwas Gutes an dem gepriesenen „Schwanenhals" zu finden, eher geneigt wären, denselben als Zeichen von schwächlicher Konstitution zu betrachten. Allzu lange Hälse sind beim Reitpferde besonders schwer fest zu stellen, sie „kippen" immer herunter. Wir geben deshalb dem kürzeren, dickeren Halse den Vorzug, ohne zu verlangen, dass derselbe an den Nacken des Stieres erinnern soll. Reitpferde mit zu starkem Genick und kurzem Hals leisten dem Reiter zu viel Widerstand. Sie sind schwer beizuzäumen und arbeiten immer gegen die Hand des Reiters.
Die in der Lehre vom Aeusseren vorkommende Regel „oben kurz, unten lang" ist mit Bezug auf den Hals des Pferdes umzukehren. Die Linie vom Kehlgang bis zur Brust soll nämlich möglichst kurz sein, wohingegen eine verhältnismässige Länge beim Kamm nicht nur nicht schadet, sondern geradezu erwünscht ist (vgl. Fig. 733, die eine ausgezeichnete Kopf- und Halsform darstellt). Es hat dies seinen Grund darin, dass die untere Linie längs der Luftröhre läuft und es unmöglich vorteilhaft für den Atmungsprozess sein kann, wenn letztere lang ist. Trainierte Pferde machen oft den Eindruck, einen Hirschhals zu besitzen, weil der Kamm bei ihnen verschwindet. Sobald das Fett sich aber wieder eingestellt, pflegt auch die Halsform gefälliger zu werden. Gegen den Widerrist zu soll der Hals mit zahlreichen, kräftig entwickelten Muskeln belegt sein. Fehlen dieselben, so können weder der Hals, noch der Kopf den Regeln der Reit- und Fahrkunst entsprechend getragen werden. Weiter hinauf, gegen das Genick zu, kann jedoch eine grössere Anzahl kurzer und dicker Muskeln hinderlich für die freie Bewegung des Kopfes und Halses werden. Hieraus darf indessen keineswegs der Schluss gezogen werden, dass der Kamm nicht muskulös sein dürfte. Im Gegenteil, derselbe wird sich bei jedem in Kondition gesetzten Pferde hart wir Stahl anfühlen. Es ist also nur eine zweckmässige Verteilung der Muskeln, die ich hier als wünschenswert habe bezeichnen wollen. Ein hoher Widerrist wird in vielen Lehrbüchern als kleidsam und notwendig für die Pferde hingestellt. Was Ersteres betrifft, so ist das Geschmacksache. Ich will jedoch nebenbei erwähnen, dass der hohe Widerrist keineswegs ein untrügliches Anzeichen edler Abkunft ist. Vollblutpferde guter Rasse zeigen z.B. auch in der höchsten Rennkondition selten den beliebten Rasiermesser-Widerrist. Dagegen pflegt Der Widerrist bei diesen Tieren sich weiter nach rückwärts zu erstrecken, als dies bei gemeinen Pferden der Fall ist. Fragen wir nun, weshalb ein hoher Widerrist notwendig für das Pferd ist, so wird uns geantwortet, dass derselbe eine gute Sattellage und einen hohen, steppenden Gang ermöglicht. Dank der bescheidenen, anatomischen Kenntnisse, die wir in dem vorhergehenden Kapitel erworben, ist es uns aber nicht möglich, uns mit diesem Beschreibe zu begnügen. Wir wissen nämlich, dass die freie Bewegung der Vorhand ihre Ursache in der Länge, Lage und Winkelstellung der Schultern hat; lauter Faktoren, die mit der grösseren und geringeren Höhe des Widerristes in gar keinem Zusammenhang stehen, und weiter, dass nicht der Widerrist, sondern die Muskeln, die sich von der Schulter bis zum Widerrist erstrecken, die gute Sattellage bedingen. Sind diese Muskeln voll und kräftig und strecken sie sich weit in den Rücken hinein, so muss der Sattel ruhig liegen, wenn auch der Widerrist noch so niedrig ist. Ausserdem bleibt zu beachten, dass jeder Widerrist den Muskeln genügenden Raum zum Anheften bietet. Bei Pferden mit hohem Gange wie beim Holsteiner, dem Oldenburger und dem Ostfriesen, finden wir nur wenig Widerrist. Letztere hat, wie schon gesagt, mit der Aktion nichts zu tun. Unzweifelhaft dagegen ist, dass ein hoher Widerrist leichter als ein niedriger oftmals Druckschäden ausgesetzt wird, falls die Muskeln an demselben nicht besonders stark entwickelt sind und sich weit in den Rücken hineinstrecken. Der sog. Rasiermesser-Widerrist, der so arm an Muskeln ist, dass er zu beiden Seiten grosse Vertiefungen aufweist, wird oft bei engbrüstigen, hochbeinigen und schlaffen Pferden angetroffen. Was den Widerrist betrifft, dürfen wir alle zufrieden sein, wenn sich derselbe weit in den Rücken hinein erstreckt und dadurch nicht nur Platz für eine gute Schulterlage schafft, sondern auch die Rückenlinie verkürzt. Ein solcher Widerrist reicht nicht selten mit seinen Dornfortsätzen bis zum 13., 14., 15., ja sogar bis zum 16. Rückenwirbel. Wir kommen nun zu der Schulter. Dass diese lang und schräg sein und ausserdem einen bestimmten Winkel mit dem Oberarm bilden soll, ist bereits ausführlich erörtert worden. Durch die schräge Lage wird bewirkt, dass der Unterarm von den Muskeln weit nach vorwärts geschwungen werden kann; die Länge der Schultern aber bedingt lange Muskeln, die imstande sind, diese Arbeit mit Nachdruck auszuführen. Mit der Länge und der schrägen Lage nimmt auch die Breite der Schulter zu, wodurch die Entwicklung der Muskeln noch mehr gefördert wird, und schliesslich wird durch die vorteilhafte Schulterlage die Gewalt des während der Bewegung entstehenden Stosses gemildert, was natürlich für Pferd und Reiter nur angenehm sein kann. Die Vorteile einer vorstehenden Regeln entsprechenden Beschaffenheit der Schulter sind also ebenso vielseitig wie bedeutungsvoll. Dies gilt ganz besonders mit Bezug auf das Reitpferd. Eine schwere Schulter bewirkt im Allgemeinen einen schleppenden, unangenehmen Gang. Andererseits kann eine gutgeformte Schulter arm an Muskeln sein. Aber obwohl Pferde mit solchen Schultern nicht zu anstrengendem Reitdienst zu verwenden sind, pflegen sie doch wegen ihrer guten Bewegungen bei „Sonntags- und Verdauungsreitern" sehr beliebt zu sein. Eine lange, schräge Schulter gewährt dem Reiter ausserdem das behagliche Gefühl, „etwas vor sich zu haben". Ist dagegen die Schulter kurz und steil, so sitzt der Reiter zu weit nach vorne. Stolpert dann der Gaul, was er infolge der schlechten Schulterlage kaum unterlassen kann, so bekommt der Engländer recht, der da sagt: „And when he falls, he falls like Lucifer" (Und wenn er fällt, so fällt er, wie die bösen Engel fallen). Schliesslich ist nicht zu übersehen, dass die notwendigen Voraussetzungen einer langen und schrägen Schulter ein gut geformter Widerrist und ein tiefer Brustkorb sind. Damit sind dem Pferde die hauptsächlichen Bedingungen einer guten Sattellage gesichert. Unter den Rennpferden sieht man viele Tiere mit sehr steilen Schultern und ich habe auch die Beobachtung gemacht, dass die englischen Trainers im Allgemeinen wenig Gewicht auf die Lage der Schultern legen. Dies dürfte seinen Grund darin haben, dass Schnelligkeit im Galopp auch mit einer steilen Schulter entwickelt werden kann und dass bei einer sehr schrägen Lage der Schulter die Kniebewegungen runder und höher werden, als mit einem raumgreifenden, d.h. flachen und weiten Galoppsprung vereinbar ist. Wir wissen auch, dass die vortreibende Kraft, der Propeller des tierischen Mechanismus im Hinterteil liegt. Deshalb wird beim Rennpferde vor allem auf ein kräftiges Hinterteil gesehen und von der Vorhand selten mehr gefordert, als dass sie imstande sei, dem von hinten ausgehenden Impuls Folge zu leisten. Auch bei Wagenpferden findet man bei einer guten Aktion vielfach ziemlich steile Schultern. Für einen guten langen Schritt ist eine schräge Schulter aber unerlässlich. Pferde mit sehr steilen Schultern haben, wie viele Renntraber, einen ganz kurzen, zackelnden Schritt. Im Renntrabe dagegen hat die Vorhand nur die von der Hinterhand vorgeworfene Last zu stützen. Die Ellbogen sollen breit, lang und hervorstehend sein und dürfen weder nach einwärts noch auswärts gerichtet stehen. Ist ihre Stellung nicht vollkommen korrekt, so ist es besser, dass sie etwas zu weit von den Rippen abstehen, denn sind sie gegen dieselben angedrückt, so erhalten die Füsse eine nach auswärts gedrehte (oft „französisch" genannte) Stellung, die nicht nur hinderlich für die freie Bewegung der Vorhand ist, sondern auch Anlass zum Streichen gibt. Angedrückte Ellbogen sind gewöhnlich mit einem schmalen Brustkorb verbunden.
Den Oberarm wollen die meisten hippologischen Schriftsteller lang und breit haben. Was die Länge betrifft, kann ich jedoch diese Ansicht nicht so ohne weiteres unterschreiben, denn ist der Oberarm übermässig lang, so kommen die Vorderbeine zu weit unter den Rumpf zu stehen, wodurch das Körpergewicht auf die Schultern geworfen wird, speziell für Reitpferde ein sehr bedenklicher Nachteil.
Zu kurz darf aber der Oberarm ebenso wenig sein, weil die Arbeit der Schulter dann unter ungünstigen mechanischen Verhältnissen von statten geht. Die Länge der Schulter ist also im Schulterblatt, nicht im Oberarm zu suchen. Der Unterarm soll dagegen lang im Verhältnis zu der Gesamtlänge des Beines sein, oder mit anderen Worten; je grösser das Mass über dem Knie ist, desto besser. Fig. 734 zeigt ein Bein, an dem der Unterarm lang und der Teil unter dem Knie kurz ist. In Fig. 735 ist die Gesamtlänge des Beines dieselbe, aber der grössere Teil dieses Längenmasses liegt in dem unterhalb des Knies gelegenen Knochen. Der Unterarm kann kaum zu breit, kräftig und muskulös sein. Auch das Knie soll wie alle anderen Gelenke gross und gut entwickelt sein. Breit von vorne gesehen, soll es von hinten gesehen schmal erscheinen. Wenn dies der Fall ist, hat das Hakenbein (Fig. 645i) sicher eine gute Länge wodurch den Muskeln und Sehnen Raum zum Anheften geboten ist. Die Stellung des Knies kann gerade, nach vorwärts oder nach rückwärts gerichtet sein (Fig. 736, 737 und 738). Die einzige normale Stellung ist natürlich die gerade, aber daraus folgt keineswegs, dass die vorbiegige Stellung oder „Bockbeinigkeit" (Fig. 737) unter allen Verhältnissen ein Anzeichen von Schwäche sei. Sehr bedenklich ist die Bockbeinigkeit, wenn das betreffende Bein an einer steilen Schulter sitzt, wenn es sozusagen im Knie hängt, bei der geringsten Veranlassung in eine zitternde Bewegung gerät, wenn das Schienbein unter dem Kniegelenk eingeschnürt und die Fesseln stark abgenutzt sind. Ist dagegen die Schulterlage und die Beschaffenheit der Fesseln befriedigend und wird das Bein während der Bewegung so viel wie erforderlich emporgehoben, so ist die vorwärtsgeneigte Stellung des Knies angeboren und deutet dieselbe in diesem Falle auf grosse Stärke und Widerstandsfähigkeit des ganzen Beines. Die nahe zur Hand liegende Erklärung dieser oft übersehenen Tatsache liegt teils in der dem Boden eigentümlichen Widerstandsfähigkeit, teils darin, dass die in Rede stehende Bildung die wichtigsten Muskeln und Sehnen des Vorderbeines bedeutend entlastet. Jeder Trainer wird bezeugen können, dass ein etwas in den Knien gebogenes kräftiges Bein kaum niederbrechen kann und diese Erfahrung findet eine weitere Bestätigung in dem Umstand, dass viele Rennpferde „hochbeinig" sind. Es ist also immerhin angeraten, ein Pferd zweimal anzusehen, bevor man es wegen „Bockbeinigkeit" verwirft. Eine bewährte Methode, sich auf praktischem Wege Klarheit über das Wesen der „Bockbeinigkeit" eines Pferdes zu verschaffen, ist, dem Tiere ein Vorderbein aufzuheben. Die angeborene Vorbiegigkeit wird hierbei an dem anderen Beine unverändert bleiben, die durch Schwäche hervorgerufene aber durch Strecken des die Last der Vorderhand allein tragenden Beines momentan zum Verschwinden gebracht. Besonders beeinträchtigend für den Wert und die Gebrauchsfähigkeit eines Pferdes ist es, wenn mit der Vorbiegigkeit gleichzeitig eine Erschlaffung der Sehnen infolge Alters oder übermässiger Anstrengungen vorhanden ist. Das Vorderknie wird hierdurch noch mehr des sicheren Haltes und der strammen Festigkeit beraubt und erscheint „gelockert". Solche Tiere sind unfähig, nach vorausgegangener Anstrengung sofort ruhig im Knie zu stehen, vielmehr beobachtet man häufig an denselben das sog. „Kniezittern". Im Gegensatz zu dem, was hier über die Bockbeinigkeit erwähnt wurde, kann man mit Sicherheit annehmen, dass ein Reitpferd mit stark rückbiegigen Knien - sog. „Kalbsknien" - (Fig. 738) selten zu grossen Leistungen befähigt sein wird. Dazu ist die Anstrengung, die infolge der rückbiegigen Stellung des Knies die Sehnen und Bänder am Schienbein trifft, eine zu bedeutende. Dagegen sind die kaltblütigen Pferde, die schweren Arbeitspferde, oft rückbiegig. Die Rückbiegigkeit muss sich demnach mit der Schrittarbeit vertragen. Grossen starken Gelenken werden gewöhnlich auch starke, gut entwickelte Sehnen beigestellt sein. Dies ist der Grund, weshalb dem Kenner schmale kleine Knie verhasst sind. Fohlen mit ungewöhnlich grossen und breiten Knien pflegen, besonders wenn sie gleichzeitig lange Schienbeine haben, sehr gross zu werden. Das Schienbein soll breit, platt, kurz und gerade sein. Jede noch so geringe Abweichung von der geraden Richtung vom Knie bis zum Kötengelenk ist zum mindesten ein Schönheitsfehler, kann aber auch, wie wir weiter oben gesehen, ein sehr bedenkliches Anzeichen von Schwäche sein. Dass kurze und platte Schienbeine stärker als lange und runde sein müssen, liegt auf der Hand. Dagegenhalte ich es nicht für überflüssig zu erwähnen, dass ein langes Schienbein stets an einem kurzen Unterarm sitzt oder mit anderen Worten: das Knie liegt hoch, wenn das Schienbein lang ist. Je höher aber die Lage des Knies ist, desto höher werden auch die Bewegungen der Vorderbeine, welcher Umstand speziell beim Wagenpferde wohl zu beachten ist. Die Sehnen an der rückwärtigen Fläche des Schienbeins sollen, durch eine deutliche Rinne von den Knochen getrennt, „klar" und „trocken" erscheinen. Ist dies der Fall, so haben die Hakenbeine die rechte Länge. Das Kötengelenk, das die beste Unterlage für eine möglichst gleichmässige Verteilung der Last auf den statischen Tragapparat bildet, soll stark, breit und frei von allen weichen oder harten Anschwellungen sein. Sehr förderlich für eine besonders beim Reitpferde wünschenswerte Milderung der das Kötengelenk während der Bewegung treffenden Stösse ist ein Gelenkwinkel von 135-140°.
Der Fessel soll mässig lang sein - ungefähr 1/3 der Länge des Schienbeines wird als Normalmass angenommen - und in einem Winkel von 45° zur Bodenfläche stehen. Uebertrieben lange Fesseln (Fig. 739) besitzen natürlich nur geringe Kraft. Lange Fesseln sind aber edlen Pferden oft eigen. Bei ihnen gleicht die Energie den Konstruktionsfehler aus. Eine kurze und steile Fessel (Fig. 740) ist dagegen nicht imstande, die Gewalt der während der Bewegung entstehenden Stösse zu brechen, was wiederum zur Folge hat, dass das Pferd einen unangenehm harten und unsicheren Gang bekommt und die Knochen, sowie auch die Sehnen übergrossen Anstrengungen ausgesetzt werden . Eine solche Bildung der Fesseln beeinträchtigt also stets die Leistungsfähigkeit des Pferdes auf hartem Boden. Die heftigen Stösse und der Mangel an Elastizität setzen die Sehnen auf eine zu harte Probe, weshalb auch bei so gebauten Pferden meistens sehr bald die für stark abgenützte (struppierte) Tiere charakteristische Stellung der Fesseln beobachtet werden kann. Beim Reitpferde sind daher lange Fesseln den kurzen vorzuziehen, jedoch darf diese Länge natürlich nicht solche Dimensionen annehmen, dass das Pferd „bärenfüssig" wird, d.h. beim Gehen so stark durchtritt, dass der rückwärtige Teil des Kötengelenks nahezu den Boden berührt. Um Irrtümern bei der Beurteilung der Fesselbildung zu entgehen, halte man sich vor Augen, dass die Fessel im Mechanismus des Pferdekörpers die Aufgabe hat, wie eine kräftige, aber elastische Feder die Gewalt der während der Bewegung entstehenden Stösse zu brechen. Man braucht kein mechanisches Genie zu sein, um zu begreifen, dass diese Feder, je nachdem das betreffende Tier ein Schritt-, Trab- oder Galopppferd ist, anders gestaltet sein muss.
Die lange Fessel ist für schnellste Bewegung (Rennpferd) unerlässlich. Sie wirkt wie die schnellende Feder, die Schleuder für den Körper. Pferde ohne Blutenergie dagegen ermüden mit zu langen Fesseln bald, besonders wenn solche Pferde auf schlechten Boden kommen. Für bergiges Terrain und unebenes schmales Gelände ist eine mittellange, kräftige Fessel am besten. Die Hufkrone richtet sich bezüglich ihrer Stellung und Form nach der Fessel, mit der sie das Kronengelenk bildet. Sie soll sich einerseits hübsch abgerundet um die Fessel schliessen und andererseits gleichmässige Stütze auf das Huf- und Strahlbein nehmen. In Fig. 741 sind ein paar tadellos geformte Vorderbeine dargestellt. Die Vorderhufe unterscheiden sich von den Hinterhufen dadurch, dass sie etwas grösser, mehr abgerundet in den Zehen, weniger steil an den Trachtenwänden, weniger gewölbt in der Sohle, kürzer und schmaler im Strahl und infolgedessen hinten auch etwas enger sind. Sehr grosse Hufe sind gewöhnlich weich; ausserdem geben sie Veranlassung zum Streichen und zu einem schwerfälligeren Gang. Man pflegt allerdings - besonders in Sportkreisen - zugunsten der grossen Hufe anzuführen, dass dieselben nicht so leicht in tiefen Boden einsinken. Grosse Hufe haben hingegen gewöhnlich platte und dünne Sohlen, was ihre Widerstandfähigkeit stark beeinträchtigt. Sehr kleine Hufe dagegen sind im Allgemeinen spröde. Dass dieselben öfter als grosse Hufe von der als „Zwanghuf" bezeichneten, fehlerhaften Formveränderung heimgesucht werden sollen, ist aber eine Behauptung, der meine Erfahrung auf das entschiedenste widerspricht. Ich habe gefunden, das ein Huf so gross wie ein Teller und dennoch zu eng in den Trachten sein kann.
Die Sohle soll gewölbt sein. Ist sie dies aber zu sehr, so wird der Strahl meistens zu klein und schwach sein, denn genannte Bildung der Sohle verhindert den Strahl, in Berührung mit dem Boden zu kommen, was eine notwendige Voraussetzung seiner normalen Entwicklung ist. Sollte die Sohle dagegen zu wenig gewölbt - flach sein, so kann das Pferd vollkommen unbrauchbar zu schneller Arbeit auf hartem Boden werden. Ein gesenkter Rücken kleidet kein Pferd. Tiere mit solchen Rücken machen immer den Eindruck, Schwächlinge zu sein. Es lässt sich auch statisch nicht bestreiten, dass der Senkrücken in den meisten Fällen auf eine gewisse Schwäche deutet, nur bezweifle ich sehr, dass diese Schwäche immer und unter allen Verhältnissen so bedeutend ist, als allgemein angenommen wird. Falls die Tragkraft des Rückens ausschliesslich von der Stärke des Rückgrats abhängig wäre, so müsste bis aufwärts- oder abwärtsgewölbte Form desselben allerdings eine wahre Lebensfrage für den Reiter sein. Nun dürfen wir aber nicht übersehen, dass das Rückgrat allein kaum die Last eines Kindes tragen könnte. Die Stärke des Rückens liegt also vor allem in den Rippen und Muskeln, auf denen das Rückgrat ruht. Infolgedessen kann es auch nicht überraschen, dass viele senkrückige Pferde ohne geringste Anstrengung sehr schwere Reiter tragen. Das Rückgrat selbst ist bei diesen Pferden allerdings nicht so stark wie bei anderen; die Tragfähigkeit desselben lässt aber trotzdem nichts zu wünschen übrig, wenn es auf gut gebildeten Rippen und kräftigen Muskeln ruht. Senkrückige Pferde zeichnen sich meistens durch besonders bequeme Gänge aus. Es sitzt sich auf ihnen wie in einem Schaukelstuhl. Gerade das Gegenteil ist der Fall bei Pferden, deren Rücken stark nach aufwärts gewölbt (Karpfenrücken) ist. (Fig. 742). Solche Tiere haben beinahe immer ausserordentlich harte Bewegungen, die besonders beim Nehmen von Hindernissen den Sitz des Reiters auf eine schwere Probe stellen. Eine ungewöhnlich stark entwickelte Nierenpartie hat dieselbe Wirkung. Obgleich ein kurzer Rücken im allgemeinen als ein Plus an Stärke zu betrachten ist, darf doch nicht zu viel Wert auf diese eine Eigenschaft gelegt werden, denn der grösste Wert des Pferdes liegt unter allen Verhältnissen in den Bewegungen. Wir dürfen auch nicht übersehen, dass ein Pferd mit sehr kurzem Rücken leicht in die Eisen hauen, sich „greifen" wird, falls dessen Schultern nicht eine ausserordentliche günstige Lage haben und die Bewegungen nicht von seltener Güte sind. In den meisten Fällen fällt es einem solchen Pferde auch schwer, die Hinterbeine ordentlich unter den Rumpf zu setzen. Mit dem zunehmenden Alter senkt sich jeder Rücken. Dies hat teilweise seinen Grund in der mechanischen Einwirkung des Gewichts, teils erklärt es sich durch das Schwinden der Muskeln bei älteren Pferden. Die Beschreibung der Lenden oder der Nierenpartie erfolgt am zweckmässigsten im Zusammenhang mit derjenigen der Flanken, denn die Güte der letzteren ist eine notwendige Folge der tadellosen Beschaffenheit der ersteren und umgekehrt.
Die Voraussetzungen einer praktischen Form der Nierenpartie sind dieselben, die die Güte des Rückens bedingen. Dass dies nicht anders sein kann, ist leicht zu beweisen. Wir haben gesehen, dass die vorwärtsschiebende Kraft der Hinterhand durch die auf das Rückgrat einwirkenden Muskeln auf die Vorderhand übertragen wird. Hieraus ergibt sich, dass dieser Vorgang zu einem umso günstigeren Resultat führen muss, je kürzer, gerader und kräftiger das Rückgrat ist. Dass dieselben Gründe auch in betreff der Lende gelten, ist unschwer einzusehen. Hat die Lende eine gerade Form, so können die Muskeln mehr direkt auf dieselbe einwirken, ist sie kurz und breit, muss sie an Tragfähigkeit zunehmen. Die sechs Wirbel, die die knochige Unterlage der Lende bilden, unterscheiden sich von denen des Rückens darin, dass sie an den Seiten sogenannte Querfortsätze haben, die die Breite der Lenden bestimmen. Die Lende beginnt dort, wo der Rücken aufhört, und geht rückwärts in das Kreuz über. Die Verbindung zwischen diesen beiden Körperteilen soll sich im Aeusseren des Pferdes nicht bemerkbar machen. Dies wird auch nie eintreten, wenn die Lende kurz, breit und muskulös ist. Sollte sie dagegen lang, schmal und hager sein, so wird eine Art Grenzlinie an dem Punkte sichtbar, wo die Lende aufhört und das Kreuz beginnt. Zuweilen schein auch das Kreuz höher zu liegen als die Lende; dies deutet stets auf eine schlechte Bildung der letzteren und kann bei nahezu allen Pferden mit langen, schmalen und schwachen Lenden beobachtet werden. Eine bewährte Methode, die Beschaffenheit der Lendenmuskeln zu prüfen, ist, dieselben nachdrücklich mit den Fingern zu kneifen. Streckt sich das Pferd hierbei, so kann man das als ein Beweis dafür annehmen, dass die Rücken- und Lendenwirbel beweglich und elastisch miteinander verbunden sind und die Streckmuskeln des Rückens normal funktionieren. Gibt die Lende aber unter dem Druck der Finger nicht nach, so ist zu befürchten, dass eine mehr oder weniger vollständige Ankylose (Verwachsung der Gelenkflächen oder der Knochenbildung der Gelenksperipherie) der Lendenwirbel vorhanden ist. Mittelst derselben Probe kann man auch ermitteln, ob das Pferd kitzlig am Rücken ist und ob es schlägt, wenn die hinter dem Sattel gelegenen Körperteile berührt oder belastet werden. Die Flanken liegen zu beiden Seiten der Lende, hinter den Rippen und vor der Hüfte. Als Unterlage haben dieselben ein paar dünne Muskeln, die sich gegen den Bauch zu strecken und die Eingeweide mittragen helfen. Gut geformt sind nur kurze Flanken. Sowohl die Physiologie als auch die Anatomie erklären uns, weshalb dies nicht anders sein kann. Der Umfang der Lungen wächst mit der Weite des Brustkorbes, diese aber hängt von den Dimensionen und der Ausdehnung der Rippen ab. Je weiter nämlich die Rippen sich nach rückwärtserstrecken und dadurch den Umfang der Flanken einschränken, desto leichter kann der Brustkorb sich erweitern. Dazu ist jedoch auch erforderlich, dass die Rippen tonnenförmig gewölbt sind, denn durch platte, hängende Rippen wird der Brustkorb auf allen Seiten eingeengt. Derartig geformte Rippen pflegen sich indessen nicht weit nach rückwärts zu erstrecken, weshalb sie auch meistens im Verein mit langen Lenden und schlecht geschlossenen Flanken auftreten. Ganz anders verhält es sich mit zylindrischen, gut gewölbten Rippen. Diese erstrecken sich beinahe immer weit nach rückwärts und sind die treuen Begleiter kurzer Lenden und geschlossener Flanken. Ich wenigstens habe noch nie gut gebildete Flanken an einem Pferd mit platten Rippen gesehen. Dies ist ein Beweis für die Tatsache, dass die gute Beschaffenheit eines Körperteils oft denselben Vorzug bei einem anderen Körperteile bedingt. Ein weiter Brustkorb gibt in den meisten Fällen eine ausgezeichnete Lende und ebenso vortreffliche Flanken, wodurch dem Pferde drei der für die Entwicklung von Kraft und Ausdauer erforderlichen Grundbedingungen gesichert werden. Ein enger Brustkorb dagegen ist beinahe stets unzertrennlich von einer langen Lende und schlecht geschlossenen Flanken, drei Eigenschaften die auf Schwäche deuten. Pferde mit leeren, ausgehöhlten Flanken haben gewöhnlich auch einen „Heubauch". Solche Tiere sind meistens überanstrengt und ausgehungert. Aufgezogene, an die Körperform des Windhundes erinnernde Flanken sind charakteristisch für Pferde, die sich schlecht nähren und an mangelhafter Verdauung leiden. Pferde dieser Art können sehr feurig sein, Ausdauer werden sie aber selten oder nie an den Tag legen. Ihre Energie gleicht dem Strohfeuer - sie erlischt bald. Ausserordentlich wertvolle Aufschlüsse geben die Flanken bei der Beurteilung des Gesundheitszustandes der in der Brusthöhle verwahrten wichtigen Organe. Man hat dieselben deshalb auch nicht ohne Grund als „Spiegel der Atmungsorgane" bezeichnet. Dies gehört jedoch kaum zur Lehre vom Aeusseren des Pferdes, sondern in das die Untersuchung des Gesundheitszustandes des Pferdes behandelnde Kapitel. Gut geschlossen sind die Flanken, wenn in denselben knapp Raum für 4-5 Finger ist. Sollte der Reiter sehr leicht sein, kann dieses Mass jedoch 6-7 Finger betragen. Andererseits aber sind zu kurze oder schmale Flanken auch nicht von Vorteil. Dies gilt ganz besonders für das Jagdpferd, das Raum für seine breiten, kräftig entwickelten Hüften benötigt. Wir kommen nun zu den Rippen. Diese bilden die Höhle oder den Korb, der alle Organe der Brust einschliesst und aus diesem Grunde einen guten Massstab für die Beurteilung des Umganges der Lungen abgibt, denn letzterer ist in erster Reihe vom Umfange der von den Rippen gebildeten Höhle abhängig. Einige kurze anatomische Betrachtungen werden dies näher erläutern. Die ersten Rippenpaare haben eine gerade Form und stehen dicht nebeneinander; dieselben bieten der Lunge deshalb nur wenig Raum; auch umschliessen sie nur die vorderen Lungenlappen nebst dem Teil der Luftröhre, der zu den Lungen führt. Dieser Teil des Brustkorbes hat ausserdem, was die Breite betrifft, ungefähr denselben Umfang bei allen Pferden. Der Unterschied liegt nur im Höhenmasse, das von der grösseren aber geringeren Länge der ersten Rippenpaare abhängig ist. Hieraus ergibt sich, dass wir von der Breite der Brust keine Garantien für die gute Beschaffenheit der Atmungsorgane zu erwarten haben. Ist die Brust breit, so beweist dies nur, dass die Brustmuskeln einen bedeutenden Umfang besitzen. Die eigentliche Lungenmasse hat ihren Platz in dem von den rückwärtigen Rippen hinter den Schultern und vor den Flanken gebildeten Korbe. Die Raumverhältnisse innerhalb dieses Korbes beruhen aber ausschliesslich auf der grösseren oder geringeren Wölbung der Rippen. Je bedeutender diese Wölbung ist und je weiter die einzelnen Rippenpaare voneinander abstehen, desto besseren Raum gewinnen die Lungen. Sind dagegen die Rippen geradestehend und flach, muss auch der Brustkorb eng und zusammendrückend sein. Dies ist so klar, dass man kaum begreift, wie es je von Fachmännern hat übersehen werden können. Bei dieser Gelegenheit möchte ich den Leser auch vor der sehr verbreiteten Ansicht warnen, dass ein voluminöses Mittelstück als ein Anzeichen von Kraft und Ausdauer beim Pferde zu betrachten sei. Dass das Mittelstück nicht so leicht sein darf und das Tier Ähnlichkeit mit einem verhungerten Hering bekommt, gebe ich gerne zu; aber ebenso wenig gefällt mir jene Form die an eine bis zu Bersten gefüllte Wurst erinnert. Was das Pferd braucht, sind feste Knochen und Muskel, nichteinen ausgedehnten Bauch und umfangreiche Gedärme. Die Güte des Mittelstücks liegt aber ausschliesslich in langen, tonnenförmig gewölbte Rippen, die sich soweit nach rückwärts erstrecken, dass die Fläche der Flanken auf ein Minimum reduziert wird. Der Bauch des Pferdes darf aus naheliegenden Gründen nicht so umfangreich wie jener des Hornviehs sein, das ja auf ein viel voluminöseres Futter angewiesen ist als das Pferd. Der französische Schriftsteller Lecoq schreibt hierüber in seinem verdienstvollen Werke „Traité de l'exterieur du cheval": „Der Heubauch deutet darauf hin, dass das betreffende Pferd, obwohl ein gieriger Fresser, von schlaffer Konstitution ist und infolge seiner Körpermasse und seines schlechten Atems in beschleunigten Gangarten nicht zu gebrauchen sein wird. Die Rippen die bei jedem Atemzuge ausgedehnt werden, müssen die Eingeweide in die Höhe heben und diese Verrichtung wird desto anstrengender, je nachdrücklicher der hierbei von dem schweren Bauche geleistete Widerstand sich bemerkbar macht." Der Bauch eines Pferdes soll also keine Falstaffschen Dimensionen haben, darf aber andererseits auch nicht aufgeschürzte, windhundmässige Form annehmen. Letztere ist nämlich, falls die sog. Falschen Rippen des Pferdes nicht sehr kurz sein sollten, beinahe immer ein sicheres Anzeichen, dass das Tier sich schlecht füttern oder an irgend einem chronischen Leiden laboriert. Von der Kruppe sagt der Araber: „Ein Pferd, dessen Kruppe ebenso lang ist, wie der Rücken und die Lenden zusammengenommen, kannst du mit geschlossenen Augen kaufen. Ein solches Pferd ist ein wahrer Segen." (Siehe auch E. Daumas, „Les chevaux du Sahara".) Unzweifelhaft ist auch, dass die Kruppe als einer der wichtigsten Hebel im Pferdekörper, kaum zu lang sein kann, wodurch ausserdem der grosse Vorteil erreicht wird, dass die Muskeln der Kruppe eine grössere Lange erhalten. Indem ich auf das im Vorhergehenden über die Winkelbildung der Hüftgelenkteile Geäusserte hinweise, will ich hier nur hervorheben, dass ein Pferd stets im guten Sinne des Wortes lang ist, wenn es eine lange schräge Schulter und eine lange Kruppe hat. Diese Länge wird dadurch hervorgerufen, dass die Hebelarme der Kruppe, bzw. die Darmbeine, d.h. der Raum von der Hüfte bis zum Pfannengelenk und die Sitzbeine, d.h. die Entfernung zwischen Pfannengelenk und dem hinteren Endpunkt der Kruppe, sowie namentlich auch das Kreuzbein möglichst lang sind.
Die Kruppe soll aber auch breit sein. Die vordere Breite wird durch eine entsprechende Entfernung der Hüften voneinander, die hintere Breite durch die Entfernung der Backbeine, d.h. der Umdreher voneinander und der Breite der Sitzbeine bestimmt. In Fig. 743 und 744 ist eine lange und breite Kruppe von der Seite und von hinten gesehen dargestellt. Ältere Verfasser haben es als ein hippologisches Axiom hingestellt, dass die Kruppe waagerecht oder horizontal sein solle und der Laie ist im Allgemeinen noch heutzutage der Ansicht, dass die Kruppe desto schöner sei, je waagerechter ihre Form. Die praktische Erfahrung spricht jedoch eine andere Sprache; sie lehrt uns, dass die horizontale Kruppe manchmal als ein Anzeichen von Schwäche anzusehen ist, besonders wenn sie gleichzeitig schwach und arm an Muskeln erscheint. Dies hat seine Erklärung darin, dass die Hinterbeine bei einem Pferde mit horizontaler Kruppe zu weit nach hinten gerückt werden und das Tier infolgedessen seinen Körper nicht recht im Zusammenhang bringen kann - für den Reitdienst, der kräftigen Nachschub erfordert, ein gar böser Fehler. Noch schlechter ist diese Bildung, wenn die Kruppe die horizontale Linie übersteigt. Pferde mit solcher Kreuzform haben allerdings gewöhnlich angenehme, bequeme Bewegungen; sobald ihnen aber Leistungen abverlangt werden, lassen sie ihren Reiter im Stich. Eine für praktische Zwecke weit vorteilhaftere Form der Kruppe entsteht, wenn das Darmbein mit dem Kreuzbein einen Winkel von 25° bildet. Das Kreuz wird dadurch abschüssiger, ohne dass die für die Muskelbildung erforderliche Länge oder die Einwirkung der Muskeln auf die Oberschenkelbeine irgendeine Einbusse erleidet.
Dagegen wird das Hüftgelenk (richtiger Oberschenkelgelenk) weiter gegen das Rückgrat gerückt und diese Stellung des Darmbeines hat zur Folge., dass die Muskeln, welche die Oberschenkelbeine nach vorwärts ziehen, hierbei grössere Kraft und Schnelligkeit entwickeln können, wodurch wiederum der Grund zu jenem schnellen und energischen Vorfetzen der Hinterbeine gelegt wird, das ein charakteristisches Kennzeichen einer guten und kräftigen Aktion ist. Eine grosse Anzahl der besten Jagdpferde besitzt ein solches abschüssiges Kreuz, ja, einer der Stammväter des englischen Vollblutes, der berühmte Godolphin Arabian, zeigte diese Form in einem so hohen Grade dass unsere gelehrten Kathederhippologen ihn sicher bis an sein Lebensende die Wasserkarre durch die Strassen von Paris hätten ziehen lassen, falls sein Schicksal in ihre Hände gelegt worden wäre. Der grösseren Deutlichkeit wegen füge ich hier noch drei Abbildungen bei von denen Fig. 745 ein beinahe horizontal gestelltes Becken, Fig. 746 die für das Pferd zweckmässige Stellung des Beckens und Fig. 747 die Beckenstellung einer stark abschüssigen Kruppe darstellt.
Eckige Kruppen sind unschön. Sogar Bourgelat erklärt solche Kruppen für fehlerhaft „weil sie das Auge beleidigen, obgleich sie sich andererseits oft durch grosse Kraft auszeichnen". Auch der berühmte Humorist Mark Twain macht sich über die eckigen Kruppen lustig. Er erzählt, dass er auf den Sandwichinseln ein Pferd angetroffen, dessen Hüftknochen er als Kleiderstock gebraucht habe! Wenn es nun auch dem Humoristen gestattet sein mag, die Lehre vom Aeusseren zu bespötteln, muss man es doch dem Tierarzt und Fachgelehrten Bourgelat verargen, dass er eine praktische Körperform verworfen, weil sie „das Auge beleidigt". - Ueber Geschmacksachen soll man nicht streiten. Dennoch kann ich nicht unterlassen, hervorzuheben, dass ich für meine Person grossen Gefallen an der eckigen Kruppe finde, die ich als untrügliches Anzeichen bedeutender Hebel- und Muskelkraft betrachte.
Möge es nur jemand versuchen, auf einem mit allen erdenklichen Schönheitsregeln zusammengesetzten Pferdeideal draussen im Terrain dasselbe zu leisten, wie ein auf einem eckigen, „unschönen" Jagdpferde berittener irländischer Farmer. Von dem Schweife sagen die Araber, dass derselbe dick an der Wurzel und dünn an der Spitze sein soll. Diese Ansicht hat unzweifelhaft manches für sich, denn es lässt sich nicht bestreiten, dass ein Schweif mit kräftiger, muskulöser Wurzel leichter hoch getragen werden kann, als ein anderer, dessen Wurzel nicht so kräftig ist. Im Allgemeinen hat es jedoch für den praktischen Gebrauchswert eines Pferdes nur eine nebensächliche Bedeutung, ob der Schweif schön oder schlecht getragen wird, ob das Schweifhaar fein und dick oder grob und schütter ist usw. Da es indessen das Los des Pferdes ist, häufig den Besitzer zu wechseln und mancher Liebhaber gerne mehrere hundert Mark zulegt, wenn nur das Pferd den Schweif wie eine Flagge trägt, so ist dem schönen Schweifansatz eine Bedeutung nicht abzusprechen. Ich gebe sogar zu, dass ich selbst, obgleich es mir wohl bekannt, dass ein sogenannter Rattenschweif selten bei einem schlechten Pferde vorkommt, wahrscheinlich nicht den Mut besitzen würde, im Wiener Prater oder Berliner Tiergarten mit einem, sei es auch noch so leistungsfähigen Gaule aufzutreten, dem die Schweifhaare abhandengekommen. Glücklicherweise sind falsche Pferdeschweife ebenso leicht zu beschaffen wie falsche Locken.
Aus dem Widerstande, den ein Pferd zu leisten vermag, wenn man dessen Schweif aufzuheben versucht, will mancher Fachmann auf die Kraft der Muskeln des Schweifes, sowie auf diejenigen des Körpers überhaupt urteilen. Man wolle jedoch hierbei nicht übersehen, dass viele Wagenpferde sich daran gewöhnt haben, den Schweif beim Aufheben leicht herzugeben. Die Oberschenkel sollen fleischig und kräftig entwickelt sein, so dass ein Pferd nicht aufsieht, als ob es hinten aufgeschlitzt wäre. Sind dieselben aber allzu umfangreich und stehen sie zu dicht beieinander, so wirken sie hinderlich auf die Bewegungen ein. Eine gute Form ist in Fig. 744 abgebildet. Die Unterschenkel, auch Hosen genannt, sollen breit und muskulös sein. Je deutlicher die Muskeln an denselben hervortreten, mit desto grösserer Wahrscheinlichkeit kann man auf Ausdauer in schnellerer Gangart bei dem betreffenden Pferde schliessen. Bezüglich der besten Winkelstellung des Ober- und Unterschenkels sei hier noch erwähnt, dass der Oberschenkel schräg nach vorwärts gestellt sein muss, damit das Pferd die Hinterbeine gut unter den Rumpf schieben kann, wohingegen der Unterschenkel schräg nach rückwärts gerichtet sein soll, um eine unterständige Stellung der Hintergliedmassen aufkommen zu lassen, oder näher präzisiert: der Unterschenkel bilde mit dem Oberschenkel einen Winkel, der etwas grösser als ein rechter (Fig. 751). Nähert sich der Unterschenkel mehr der lotrechten Richtung (Fig. 748), so wird die Stellung der Gliedmassen eine steile und der Schritt verliert an Länge; im umgekehrte Falle werden die Sprunggelenke zu weit nach rückwärts gestellt und die Stellung dadurch eine gestreckte. Pferde mit zu steil gestellten Hinterbeinen haben gewöhnlich mangelhafte Bewegung in der Hinterhand und werden ausserdem infolge der heftigen Stösse, denen die Sprunggelenke bei dieser Stellung ausgesetzt sind, öfter als normal gebaute Tiere von Spat, Blutspat und Sprunggelenksgallen heimgesucht. Sind dagegen die Hintergliedmassen zu weit nach rückwärts gestellt (Fig. 750), so kann das Pferd dieselben nicht gut unter den Körper schieben und es wird dann auch an der vortreibenden Kraft, dem sog. Nachschub fehlen. Ebenso fehlerhaft ist es aber, wenn die Hinterbeine zu weit unter dem Körper stehen (Fig. 749) - bei der sog. Unterständigen Stellung - es wird dann sowohl die Köte als auch das Sprunggelenk zu stark belastet und eine ergiebige Streckung der Gliedmassen kann nicht erfolgen. Die meisten hippologischen Schriftsteller huldigen der Ansicht, dass die Länge von der Hüfte bis zum Sprunggelenke aufm zu gross sein könne. Was mich betrifft, so kann ich jedoch diese Behauptung nicht bedingungslos unterschreiben, denn ich habe gefunden, dass Pferde mit kürzeren Ober- und Unterschenkelbeinen oft grosse Leistungsfähigkeit an den Tag legen und besonders im Nehmen von Hindernissen sehr geschickt sind. Ich glaube deshalb, dass die beliebte bedeutende Länge von der Hüfte zum Sprunggelenk allerdings für die Entwicklung von Schnelligkeit von Nutzen sein kann, aber keineswegs als ein bestimmtes Anzeichen von Tragkraft und Ausdauer zu betrachten ist. Für Jagd- und Kavalleriepferde dürfte somit meiner Ansicht nach eine mässige Länge der genannten Körperteile vorzuziehen sein. Ein gut gebautes Sprunggelenk ist meisten auch gesund, wohingegen eine fehlerhafte Bildung dieses wichtigen Gelenkes in den meisten Fällen Anlass zu verschiedenen Leiden gibt, sobald dem Pferde anstrengende Leistungen abverlangt werden. Die Unterschiede zwischen einem gut und einem schlecht geformten Sprunggelenk erfassen zu lernen, setzt allerdings eine Uebung und Aufmerksamkeit voraus, ist aber keineswegs eine die Kräfte des Praktischen Mannes übersteigende Aufgabe. Demjenigen, der sich ein selbständiges Urteil über den in Rede stehenden Körperteils aneignen will, würde ich raten, zuerst jeden einzelnen der 6 Knochen, aus denen das Sprunggelenk besteht - Fersenbein, Rollbein, grosses Kahnbein, Würfelbein, kleines Kahnbein und Pyramidenbein - zum Gegenstand besonderer Studien zu machen, wobei er sich vor Augen halten möge, dass die 5 zuletzt genannten Knochen Gewichtsträger sind, das Fersenbein aber als Hebel für die Sehnen dienst. Nachdem der Anfänger mit Benützung eines eigens zu diesem Zwecke präparierten normalen Sprunggelenkes alle diese Knochen kennen gelernt und sich ausserdem einige Uebung erworben hat, dieselben auch an dem lebenden Pferde mit dem Finger zu bezeichnen - kann er sich einer grösseren Kenntnis rühmen, als den meisten sogenannten Kennern zur Verfügung steht. Die äusseren Linien des Sprunggelenkes sollen reich und fest sein und alle Knochenvorsprünge und Vertiefungen deutlich hervortreten lassen. Jede harte oder weiche am Sprunggelenk vorkommende Anschwellung ist, wie wir weiter unten sehen werden, ein Anzeichen von Schwäche oder krankhafter Entartung. Die Fersenbeine sollen gross sein und stark hervortreten; sie werden dann nicht nur stark genug sein, sondern auch gute Hebel und genügenden Raum für die Sehnen und Bänder darbieten.
Von der Seite gesehen, soll das Sprunggelenk sowohl an seinem oberen als unteren Ende breit erscheinen (Fig. 752). Beim Übergang ins Schienbein darf keine Einschnürung vorkommen und soll auch das Schienbein vom Sprunggelenke an bis zum Kötengelenk dieselbe Breite haben. In derartig geformten Sprunggelenken werden, sofern sie nur an gut gestellten und gut geformten Hintergliedmassen sitzen, selten Spatbildung oder Hasenhacken zu entdecken sein. Was die Stellung des Sprunggelenkes betrifft, so kann dieselbe entweder gerade (Fig. 753), nach einwärts gerichtet (kuhhessig) (Fig. 754), nach auswärts gerichtet (fassbeinig) (Fig. 755), zu weit (Fig. 756) oder auch zu eng (Fig. 757) sein. Normal ist sie natürlicherweise nur dann, wenn das Sprunggelenk weder nach auswärts noch nach einwärts gerichtet erscheint. Pferde mit normal gestellten Sprunggelenken haben einen kräftigen, elastischen Gang und geniessen ausserdem den Vorzug, dass ihr Gewicht gleichmässig auf die stützenden Pfeiler der Hinterhand verteilt wird. Im Allgemeinen hält man die nach auswärts gerichteten Sprunggelenken für vorteilhafter als die nach einwärts gestellten. Ich bezweifle jedoch die Richtigkeit dieser Ansicht. Viele unserer besten Arbeitsschläge sind kuhhessig und manches so gebaute Pferd hat sowohl in langsamen, als beschleunigten Gangarten grosse Leistungsfähigkeit an den Tag gelegt. Es lässt sich auch nicht bestreiten, dass das Vorschieben der Hinterhand bei kuhhessigen Pferden, infolge der durch die Bildung bewirkten Konzentrierung der Kraft gegen die Mitte zu, mit einer bedeutenden Kraftersparnis und auf eine für den Reiter angenehmere Art vor sich geht. Pferde mit nach auswärts gerichteten Sprunggelenken haben dagegen beinahe immer unangenehme Bewegungen und hauen auch gerne in die Eisen. Grosse Weite zwischen den Sprunggelenken (fassbeinige Stellung ) ist ebenfalls kein Vorteil und dasselbe muss von den zu dicht beieinander gestellten Sprunggelenken gesagt werden. Wir dürfen jedoch nicht übersehen, dass viele berühmte Pferde fassbeinig waren. Eclipse z.B. soll beim Galopp hinten so breit gegangen sin, dass ein Schiebkarren zwischen seinen Hinterbeinen Platz gehabt hätte.
In dieser Beziehung, wie überhaupt immer, muss also das Pferd nach seinen Leistungen und nicht nach gelehrten Theorien beurteilt werden.
Bezüglich der Schienbeine, Kötengelenke, Fesseln und Hufe der Hinterhand gilt ungefähr dasselbe, was bei der Beschreibung der Vorderhand von diesen Körperteilen gesagt worden ist. Die vorhandenen Unterschiede bestehen einzig und allein darin, dass die hinteren Schienbeine etwas länger, die Stellung der Fesseln etwas steiler und die Hufe etwas spitzer, länglicher als diejenigen des Vorderteiles sind. Zu den Bewegungen übergehend, erlaube ich mir, dem Leser noch einmal den alten Spruch „Das Pferd geht wie es steht" ins Gedächtnis zu rufen. Also vor allem eine regelmässige Stellung, d.h. eine solche, bei der die vorderen und hinteren Extremitäten auf einer Linie stehen (Fig. 758 u. 759). Man braucht kein grosser Mechaniker zu sein, um einzusehen, dass die vertikale Stellung ohne irgendwelche Neigung die günstigste für einen zum Tragen einer gewissen Last bestimmten Pfeiler sein muss. Dasselbe Gesetz gilt aber auch für die Beine des Pferdes, die ja nichts anderes sind, als vier zum Tragen der Körperlast geschaffene Pfeiler. Hieraus ergibt sich, dass jede in der Stellung der Extremitäten vorkommende Abweichung von der Vertikalen - nach vor-, rück- oder seitwärts - als fehlerhaft bezeichnet werden muss. In Fig. 754-757 und 760-768 sind solche Abweichungen von der normalen Stellung der Vorder- und Hinterbeine dargestellt. Unter diesen Stellungen ist die Erklärung zu den fehlerhaften Gängen der Pferde - kreuzen, fuchteln, stolpern, in die Eisen hauen usw. - zu suchen, jedoch sind dieselben nicht alle gleich bedenklich.
Ein Pferd, das die Zehen nach auswärts dreht (französisch steht), wird wahrscheinlich einen kreuzenden Gang haben und sich ausserdem oft streichen; nichtsdestoweniger ist diese Stellung derjenigen vorzuziehen, bei der das Pferd die Zehen nach einwärts gestellt hat, denn mit letzterer ist das Tier jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt, wie totgeschossen hinzustürzen, was jedenfalls für den Reiter nichts Verlockendes hat. Reine, raumgreifende Gänge sind gewöhnlich, aber nicht immer, das Attribut eines korrekt gebauten Körpers, denn die Güte der Bewegungen ist hauptsächlich von der guten Beschaffenheit der Muskeln und Sehnen, sowie von der Solidität des Mechanismus im allgemeinen und dem Gleichgewicht desselben abhängig. Ist der Muskel kräftig, der auf ihn einwirkende Hebel aber schwach, so wird das Resultat kein günstiges sein können. Andererseits kann das Pferd bei noch so günstiger Stellung der Extremitäten zueinander, keinen Nutzen aus seinem guten Körperbau ziehen, wenn es ihm an Muskeln fehlt. Wir dürfen auch nicht übersehen, dass die Knochen bei dem edlen Pferde stärker, dichter und verhältnismässig auch schwerer als bei dem gemeinen Tiere sind.
Ganz ebenso verhält es sich mit den Muskeln; dieselben sind kräftiger, reiner und weniger mit Fett durchwoben. Die Bewegungen sollen raumgreifend und gewandt sein. Geht das Pferd einen schnellen raumgreifenden Schritt, so wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch in den übrigen Gangarten Vorzügliches leisten.
Bei langschreitenden Pferden ist das Armbein meistens relativ lang. Für das Reitpferd, das einen grossen Teil seiner täglichen Arbeit im Schritt verrichtet, ist ein guter Schritt geradezu unentbehrlich. Dass hierbei die Hufe mit der ganzen Sohle und nicht mit den Zehen allein niedergesetzt werden sollen, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Im Trab sollen die Sprunggelenke gut unter den Rumpf geschoben, die Vorderbeine schnell und elastisch gehoben werden und alle Bewegungen in vollkommenster Harmonie erfolgen. Hohe Kniebewegungen im Schritt und Trab sind, obwohl gegenwärtig sehr modern, keineswegs praktisch. Ein Pferd verliert sogar an praktischer Brauchbarkeit in demselben Masse, als seine Kniebewegungen erhabener werden, wenn es nicht stark mit der Hinterhand schiebt und nicht genug Energie besitzt, die Hinterhand ausgiebig arbeiten zu lassen. In letzterem Falle ermüdet die hohe Aktion das Pferd nicht. Man verlangt heutzutage in Deutschland nach einer kurzen, Gott sei Dank schnell überwunden Modetorheit infolge des „Ueberhackneys" auch keinen extremen steppenden Gang mehr, sondern ein schönes, gleichmässiges herausbringen und ordentliches Vorsetzen der Vorderbeine, also eine Aktion, die sich schön ansieht, bei der aber auch Boden gewonnen wird. Als Muster einer schönen, hohen, ergiebigen Aktion ist die des Holsteiners zu nennen. Der Hackney „stampft" meistens schon zu viel und ermüdet bald, weil er oft eine schwache, hinten heraus gestellte Hinterhand besitzt. Während des Galopps soll das Pferd die Hinterbeine weit unter den Körper setzen und die Vorderbeine dicht über dem Boden führen. Es erübrigt jetzt noch, auch die Haarfarbe des Pferdes in den Kreis unserer Betrachtungen zu ziehen. Alle die bei Pferden vorkommenden, verschiedenarteigen Haarfarben zu beschreiben, halte ich für ein ganz überflüssiges Beginnen. Das trifft gewiss jeder nicht farbenblinde Leser ebenso gut wie ich, und ich kann somit meine Zeit und den mir zur Verfügung gestellten Raum für wichtigere Aufgaben sparen. Dagegen dürfte es wohl am Platze sein, dem Einfluss auf das Temperament und die Konstitution des Pferdes, den man gewissen Farben zuschreibt, einige Worte zu widmen. Nach der hippologischen Überlieferung soll die braune das sanguinische, die Fuchsfarbe das cholerische, die Rappenfarbe das melancholische und die Schimmelfarbe das phlegmatische Temperament kennzeichnen. In der Wirklichkeit verhält es sich jedoch mit dieser Überlieferung wie mit so vielen anderen, die Aufnahme in den hippologischen Lehrbüchern gefunden haben - sie beruht auf einseitigen, oberflächlichen Beobachtungen, die sich, sobald sie einer ernsten Prüfung unterzogen werden, in nichts auflösen. Jeder, der einige Erfahrung im Pferdefach erworben, wird nämlich bezeugen können, dass alle Temperamente unter allen Farben vorkommen. Der grössere oder geringere Wert der einzelnen Farben ist somit gänzlich von dem individuellen Gebrauch abhängig und die ganze Lehre von der Haarfarbe des Pferdes liesse sich recht gut in dem einzigen Satz zusammenfassen: „Ein gutes Pferd hat nie schlechte Farbe." Der Züchter kann aber, wie bereits erwähnt, die Anforderungen des Marktes nie vornehm ignorieren. Es ist deshalb vollkommen gerechtfertigt, wenn man in Gestüten Vorliebe für die braune und dunkelbraune Farbe ohne Abzeichen hegt, denn diese bleibt immer modern, was seine Erklärung darin haben dürfte, dass dunkelbraune Pferde ohne Abzeichen äusserst selten unter den gemeinen Schlägen vorkommen, wohingegen solche im Vollblut und Warmblut zahlreich vertreten sind. „Abzeichen", wie z.B. Blässe, Strümpfe usw., können ausserdem als die ersten Symptome des Albinismus bezeichnet werden und es ist deshalb der Sportwelt nicht zu verdenken, wenn sie in der Abwesenheit jedes Abzeichens eine Art Bürgschaft dafür sieht, dass das betreffende Pferd eine harte Konstitution besitzt.
Füchse sind ebenfalls sehr beliebt, denn die Erfahrung lehrt, dass wenige Füchse, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, „echt in der Farbe" sind. Die meisten werden unter dem Einfluss der Jahreszeit, der Wartung und der Fütterung bald lichtet und bald dunkler, weshalb es auch seine Schwierigkeiten hat, in einem Viererzug von Füchsen die für die Eleganz erforderliche Gleichheit in der Farbe beizubehalten. Ausserdem ist es eine Tatsache, dass Füchse sehr empfindlich für Druckschäden, scharfe Einreibungen u.a. hervorgerufene Entzündungen in der Haut sind und dass ihr Haar unter solchen Einwirkungen seine Farbe wechselt. Trotzdem ist die allgemeine Vorliebe für Füchse sehr erklärlich, denn keine andere Farbe lässt die schönen Formen des edlen Pferdes besser zur Geltung kommen. Die Rappenfarbe hat eigentümlicherwise ebenfalls ihre Anhänger. Ich sage „eingentümlicherweise", weil diese Farbe am häufigsten bei gemeinen Rassen vorkommt - schwarze Vollblutpferde sind selten - und die Trauerfarbe für das menschliche Auge auch bei Pferden kaum erfreulich sein kann. So kann man es sich nicht recht erklären, weshalb so viele Höfe bei der Wahl der Farbe für die Galazüge dem Beispiele der „Pompes funèbres" gefolgt sind. Die Schimmelfarbe hat ebenfalls ihre Fatalitäten. Denn ebenso unfehlbar wie die Runzeln im menschlichen Gesichte mit den Jahren an Zahl und Tiere zunehmen, wird der Schimmel weisser, je mehr er sich der Grenze des Pferdealters nähert. Dies kann freilich dem Schimmel ziemlich gleichgültig sein, seinem Besitzer wäre es aber wahrscheinlich doch lieber, wenn das Tier einen weniger sichtbaren Geburtsschein trüge. Zu den minder angenehmen Eigenschaften des Schimmelhaares gehört noch, dass es schwer reinzuhalten ist und die Kleider des Reiters auf eine stark in die Augen fallende Art beschmutzt. Man darf sich deshalb nicht darüber wundern, dass Schimmel nicht eigentlich zu „den kuranten Artikeln" gehören. Die Schimmel haben dunkle Haut und dunkle Hufe, wodurch sie sich von den weissgeborenen Pferden unterscheiden. Während der ersten Jugend dunkel gefärbt, zeigen sie das Schimmelhaar erst, nachdem sie das Füllenkleid abgeworfen. Zuerst und am deutlichsten tritt das Schimmelhaar an den Augenbogen, den Backen und in der Nähe der Maulwinkel hervor. Alle Schimmel werden wie gesagt mit jedem Jahre heller. In den mittleren Jahren, bald früher, bald später, je nach der Abstammung oder der helleren und dunkleren Färbung in der Jugend, wird der Grauschimmel zum Apfelschimmel. Gleichzeitig zeigen sich dunkle Ringe mit helleren Mittelflecken. Die dunkleren Ringe werden von Jahr zu Jahr heller, verschwinden endlich ganz und der Schimmel wird nahezu oder ganz weiss. Dasselbe gilt, wenn auch in beschränkterem Massstabe, von Mähnen und Schweif. Unter Decken und in dunkleren Ställen hält sich das dunkle Haar länger, ebenso auch unter dem Schutze der Mähne. In den Hinterbacken pflegt es sich am längsten zu halten. Am gesuchtesten sind natürlich solche Schimmel, welche die dunkle Farbe lange beibehalten. Leider sind dieselben ziemlich selten. Je dunkler der Grauschimmel in der Jugend, desto grössere Aussicht ist vorhanden, dass er erst später weiss werden wird und umgekehrt. Man paart deshalb auch gern Schimmel mit schwarzen Pferden, während man weissgeborene Pferde höchst ungern im täglichen Leben weiter zur Schimmelproduktion verwendet. Eine sehr haltbare Schimmelfarbe ist die besonders bei orientalischen Pferden und dessen Nachkommen vorkommende, die mit dem Namen „Staarschimmel" bezeichnet wird. Das Haar des Staarschimmels ist schwarz, Schenkel meistens ebenfalls. Auch die Fliegenschimmel behalten ihre dunklen roten oder braunen Punkte, weshalb Pferde solchen Haars weniger als scheinen, als sie sind. Das Tigerhaar zählt seine Bewunderer hauptsächlich unter Kunstreitern und Tiroler Bauern. Merkwürdig ist, dass man bei Tigern so oft schlechte Mähnen und Rattenschweife vorfindet. Der Schecke steht kaum höher im Rang. Der Araber sagt von ihm: „Fürchte den Schecken, er ist ein Bruder der Kuh." Eine Eigentümlichkeit dieser Haarfarbe ist, dass sie häufiger bei kleinen als bei grossen Pferden vorkommt. Bezüglich der Vererbung der Haarfarbe bei den Pferden sind folgende Beobachtungen gemacht worden: von gleichfarbigen Pferden vererbt sich die weisse und braune Farbe am sichersten, während die Haarfarbe von Rappen weniger konstant ist, so dass der Intensitätsgrad der Vererbung bei ihnen um ein Fünftel schwächer ist, als bei den anders gefärbten Elterntiere. Bei gelichfarbigen Eltern folgen 58 Prozent der Fohlen der Farbe des Muttertieres, während nur 42 Prozent in dieser Beziehung dem Vatertiere gleichen; ferner, während die Vererbungsintensität bei gleichfarbigen Paaren vier Fünftel erreicht, sinkt sie bei ungleichfarbigen Paaren auf der Fünftel bis zwei Fünftel herab. Aber auch hier mach sich ein Intensitätsgrad der Vererbung je nach der Hautfarbe geltend, indem auch hier die schwarze Farbe die geringste Vererbungsfähigkeit besitzt. Wenn das Muttertier ein Rappe ist, so zeigen mehr Stuten- als Henstfohlen die Farbe des Muttertieres. Auch wenn beide Eltern Rappen sind, tritt ebenfalls unter den die Haarfarbe der Eltern tragenden Fohlen beiläufig ein Drittel mehr Stuten als Hengste auf. Aus den Paarungen von Braun und Fuchs gehen zumeist solche Fohlen hervor, welche die Farbe der Eltern zeigen; aus den Paarungen von Fuchs und Rappen dagegen gehen Fohlen hervor, deren Farbe oft mit keiner der Eltern übereinstimmt. Allein die weisse Farbe besitzt den höchsten Grad von Vererbungsfähigkeit, der in der Stufenleiter Braun und Schwarz nachfolgen. Der Patriarch Jakob verstand seinen Vorteil ganz gut, als er von Laban statt des Lohnes jenen Teil des Jungviehs begehrte, der weisse Flecken trug (gefleckt oder gesprenkelt war). Der grössere Teil entfiel auf Jakob, während sich Laban mit dem geringeren Teile des schwarzen und braunen Jungviehs begnügen musste, so dass dieser, darüber erzürnt, Jakob endlich fortziehen liess. Es sei hier noch das Urteil eines Naturforschers über die Vererbung der Hautfarbe des Menschengeschlechts angeführt. D'Orbigny sagt: In Südamerika, wo die Kreuzung unter den Menschenrassen im grösserem Massstabe vor sich geht, behauptet das europäische Blut das Übergewicht und es entsteht dort eine neue Bevölkerung, die sich unaufhörlich dem Weissen Typus nähert. Wenn wir nun versuchten würden, eine kurze Charakteristik der Haarfarben des Pferdes aufzustellen, so müssten wir zuerst betonen, dass dunkel gefärbte Pferde im Allgemeinen härtere, leistungsfähigere Tiere sind als lichter gefärbte. Das alte englische Sprichwort: „Gebleichte Farbe, ausgewaschene Konstitution" trifft in den meisten Fällen den Nagel auf den Kopf. Möge sich daher der Leser vor ausgebleichten Füchsen mit lichteren Gliedmassen und weissen Hufen in achte nehmen, dieselben werden wir alle Pferde von blasser, unbestimmter Haarfarbe und mit lichteten Extremitäten, selten grosse Leistungsfähigkeit an den Tag legen. Nichts als eine bestimmte Regel, sondern nur als eine Beobachtung, die von der Praxis häufiger bestätigt als widerlegt werden wird, sei hier ausserdem erwähnt, dass dunkelbraune Pferde harte, ruhige und zuverlässige Tiere zu sein pflegen, dass die unangenehmsten Temperamente unter den lichtbraunen vorkommen, dass Füchse nicht selten einen energischen Herrn erfordern und dass die Schafe des Pferdegeschlechts sich am liebsten in die Farbe der Unschuld kleiden. Grossen praktischen Wert haben jedoch diese allgemeinen Erfahrungssätze nicht, denn gar beleidigend für das Auge müsste die Farbe sein, die und dazu vermögen könnte, ein im Übrigen passendes und gutes Pferd zu verwerfen. Die Quintessenz der Farbenlehre bleibt also doch: „Ein gutes Pferd kann keine schlechte Farbe haben". Einen guten Typus des Wagenpferdschlags zeigen die Kunstbeilagen „Holsteinischer Hengst" und „Holsteinische Stute" Der Kopf an diesem Typus ist wohl proportioniert ohne die Bezeichnungen „lieb, süss, bezaubernd" usw. zu verdienen, aber wenn er auch noch grösser und schwerer wäre, würde und da nicht im mindesten genieren, denn die Kopfform hat mit der Brauchbarkeit des Wagenpferdes wenig oder gar nicht gemeinsam. Der Hals hat dieselbe Form, die wir vom Reitpferde fordern, zeichnet sich aber durch einen grösseren Reichtum an Muskeln aus. Die Schulter ist schräg und lang. Die Brust dagegen zeigt eine grössere Breite wie bei dem normal bebauten Reitpferde. Ein weiterer Unterscheid zwischen der Form des Reit- und Wagenpferdes liegt darin, dass letzteres kürzere und etwas steilere Fesseln hat. Der Rücken ist kurz und die Lende gut geschlossen. Wir verwerfen aber keineswegs ein Wagenpferd mit einem etwas längeren Rücken, wenn nur die Schultern und die Kruppe unseren Anforderungen entsprechen. Die Hufe sind von vorzüglicher Qualität. Im Übrigen verweise ich auf die Kunstbeilage. Die Fehler, die wir dem Wagenpferde am ehesten verzeihen können, sind: ein grosser, schwerer Kopf, etwas steile Schulter, kurze Unterarme und Unterschenkel, langer rücken, schwache Lenden, Heubauch, geringere Vorbiegigkeit, lange, steile Fesseln, schmale Kniee, etwas eingeschnürte Schienbeine, unbedeutendere Abweichungen von der normalen Stellung der Gliedmassen und den normalen Gängen und etwa noch schiefe Hufe. Der rechte Arbeitspferdtypus ist in den Kunstbeilagen „Rheinische-Deutsches" und „Schleswiger Pferd" dargestellt. Der Kopf, welche Gestalt er auch haben mag, darf nicht zu fleischig sein, sondern ist im Gegenteil, je trockener, je regelmässiger gebaut, je breiter in der Stirn, desto besser. Der Hals ist kurz und muskulös. Die Schulter ist etwas kürzer und steiler als beim Reit- und Wagenpferde, aber sowohl die Schulter wie auch der Oberarm zeichnen sich durch eine ausserordentliche Muskelfülle aus. Da der Oberarm ausserdem etwas horizontaler liegt wie bei den edleren Pferdeschlägen, nimmt die Muskelbildung daselbst an Intensität zu, während sie gelichzeitig Einbusse an Ausdehnung erleidet. Der muskulöse Unterarm braucht ebenfalls keine besondere Länge zu haben, darf aber auch nicht so kurz sein, dass das Pferd dadurch zu hohe Kniebewegungen bekommt. Die Schienbeine sind trocken und breit, die Fesseln kurz und stark und sowohl das Knie- als das Kronengelenk heben sich deutlich ab. Was die Brust betrifft, ist dieselbe breiter als beim Reit- und Wagenpferde. Die Erfahrungen lehren, dass die Breite zwischen den Schultern nicht weniger als ein Drittel der Höhe des Pferdes betragen soll. Dass das Arbeitspferd trotz seiner breiteren Brust keine kräftigeren Atmungsorgane als das Vollblut besitzt, ist bereits erwähnt worden. Wir werden deshalb auch beim Arbeitspferde die Tiefe zu den wichtigsten Punkten zählen müssen. Der Widerrist erstreckt sich nicht weit nach hinten, hat aber eine desto grössere Breite. Der Rücken ist gerade und hat derselbe nur die nötige Breite und Muskelfülle, so werden wir auch ein grösseres Längenmass mit in den Kauf nehmen. Absolut zu verwerfen ist bei Arbeitspferde ein gesenkter, magerer, schlaffer Rücken mit langer, muskelarmer Lende. Die Nierenpartei ist kurz und breit, so dass die Flanken nur die Breite einer Hand einnehmen und die Muskeln oberhalb derselben deutliche Erhabenheit bilden. Überhaupt müssen die Rippen stets möglichst gut gewölbt, breit und so nahe und fest vereinigt, dass das Auge den Eindruck eines gedrungenen, geschlossenen Pferdes erhält. Die Kruppe ist bei dem gelungenen Arbeitspferde breit zwischen den Hüften und etwas abschüssig. Die hintere Breite der Kruppe darf nicht geringer sein als diejenige zwischen den Schultern; je grösser aber, desto besser.
Was die Länge des Hinterteils betrifft, sind wir zufrieden, wenn dieselbe nicht weniger als ¼ der ganzen Länge des Pferdes beträgt. Die Hinterbeine können einander etwas näher stehen als die Vorderbeine, dürfen aber keineswegs zu eng gestellt sein. Im Gegenteil, je breiter die Stellung der Hinterbeine ist, umso besser. Von der Seite gesehen sind die Hinterbeine platt, breit, „trocken" und muskulös. Ein abgerundetes, dickes Bein, an dem die Sehnen und Knochenfortsätze wenig oder gar nicht bemerkbar sind, zeugt von einer lymphatischen Konstitution; ein hageres, schlaffes Bein mit dich an den Knochen liegenden Beugesehnen und eingeschnürten Schienbeinen ist schwach. In betreff der Hinterbeine wäre noch zu erwähnen, dass dieselben bei dem praktischen Arbeitspferde kurz sind und dass die Spunggelenke behufs Vermeidung hoher Bewegung und dadurch hervorgerufener Kraftvergeudung ebenso wie das Vorderknie eine niedrige Lage haben, d.h. möglichst nahe über dem Erdboden stehen sollen. Von grösster Bedeutung für den Gebrauchswert eines Arbeitspferdes ist ein fleissiger, geräumiger Schritt. Eigentümlicherweise wird dieser hochwichtige Umstand bei vielen Preisschauen vollkommen unberücksichtigt gelassen, obgleich es jedem Fachmanne einleuchten sollte, dass ein Pferd das innerhalb einer angegebenen Zeit noch ein halbmal so weit im Schritt geht als ein anderes, auch um die Hälfte mehr wert ist als letzteres, vorausgesetzt, dass die übrigen Eigenschaften sich die Waage halten. Eben weil der geräumige Schritt beim Arbeitspferde eine so grosse Rolle spielt, kann ich nicht eindringlich genug auf die Bedeutung einer guten Schulterlage beim Arbeitspferde hinweisen. Es lässt sich allerdings nicht bestreiten, dass eine steilere Schulterlage das Pferd befähigt, mehr Kraft ins Geschirr zu legen; aber wenn man bedenkt, dass der Schritt in demselben Masse kürzer wird, als die Neigung des Schulterblattes abnimmt, kann dies unmöglich ein Vorzug genannt werden. Wir dürfen auch nicht übersehen, dass bei schwerer Zugarbeit die schräge Schulter durch Vornüber lehnen des Körpers senkrechter gestellt wird (Fig. 769) und so eine Ausgleichung der unleugbaren Nachteile der schrägen Schulterlage stattfindet, ohne dass dem Tiere die Vorzüge derselben bei weniger schwerem Zuge verloren gehen. Dies ist umso mehr zu beachten, als viele Arbeitspferde nicht nur im schweren, sondern auch im leichteren Zug verwendbar sein und möglicherweise ausserdem noch den Zwecken der Zucht dienen sollen. Aus dem Vorstehenden ergibt sich für uns die Lehre, dass wir dem Arbeitspferde folgende Fehler am ehesten nachsehen können: Langen Rücken, lange Lende, kurze Kruppe, unregelmässige Stellung der Extremitäten, Heubauch, niedriges Vorderteil, kurze Unterschenkel, steile Schulter, Platthufe, schiefe Hufe, und geringere Unregelmässigkeiten im Gange. Ich glaube nun dem Leser eine einigermassen ausführliche Darstellung der äusseren Körperformen des Pferdes vor Augen geführt zu haben. Damit wäre jedoch blutwenig erreicht, wenn ich diese Schilderung nicht durch eine Anleitung in der Kunst, aus den äusseren Formen des Pferdekörpers möglichst sichere Schlussätze betreffs der Brauchbarkeit des Tieres zu ziehen, vervollständigen würde. Wir werden uns deshalb zunächst Klarheit darüber zu verschaffen suchen: